Die WZ und das Internet

Was ein Glück, dass Zeitungen als Vorzeigeobjekt der „etablierten“ Medien das alles viel besser machen als das böse, böse Internet.

Die Westdeutsche Zeitung zum Beispiel: Die hat allein in ihrer heutigen Ausgabe so einige großartige Beispiele, wie die „etablierten“ Medien sich das vorstellen, wie „das Internet“ arbeiten sollte.

Zum einen ist da ein Artikel mit der Überschrift „Das total verduzte Deutschland“. Nachfolgend eine Gegenüberstellung einiger Textstellen mit der Spiegel-Online-Kolumne „Siezt du noch, oder duzt du schon?“.

Westdeutsche Zeitung Spiegel Online
Bei Ikea ist das “Sie” schon seit Jahr und Tag ein Unwort. […] Weil das ein Gefühl von “tipis sverige Snörrigkeit” vermittelt. Bei Ikea wird man fast ständig und überall geduzt. […] Um [dem Kunden] ein Gefühl von “tipis sverige Snörrigkeit” zu vermitteln.
Aus dem Lautsprecher tönt: “Hej, jetzt kannst du dein Badezimmer komplett neu einrichten und dabei noch sparen!” Doch Kunden […] stutzen, wenn ihnen […] über Lautsprecher die neuesten Angebot [sic] entgegengeduzt werden: “Hej, jetzt kannst du dein Badezimmer komplett neu einrichten und dabei noch sparen!”
Allerdings hat auch bei Ikea die Duzerei ihre Grenzen, wenn etwa aus dem gleichen Lautsprecher ein nüchternes “Gesucht wird der Halter des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen NE-PP-4366. Bitte melden Sie sich umgehend an der Information!” [sic] Interessant wird es, wenn ein Zwischenruf des deutschen Personals ertönt. Dann ist es mit der Duz-Herrlichkeit nämlich plötzlich vorbei: “Gesucht wird der Halter des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen DU DA 496. Bitte melden Sie sich umgehend an der Information!”
Das war einmal anders, damals in den Fünfzigern, als sich Paare erst nach dem primären Zungenkuss das Du anboten. [Bildunterschrift] Nicht nur im Film “Über den Dächern von Nizza” galt in den 50ern: erst küssen, dann duzen. In früheren Jahrzehnten war das Siezen auch unter jüngeren Menschen gleichen Alters üblich. Das kann man noch heute in Spielfilmen aus den fünfziger und sechziger Jahren sehen, in denen sich die jungen Hauptdarsteller zunächst ganz förmlich mit “Sie” anreden – bis es zum ersten Kuss kommt.

Gut, man kann ja mal vergessen, die Quelle anzugeben. Sind ja auch nur ein paar Textstellen, ist ja nicht so, dass – wie in dem Fall, als „Medienpirat“ Peer Schader plötzlich seinen kompletten FAZ-Artikel in der WAZ wiederfand – wirklich der gesamte Text geklaut wäre.
Außerdem: Wer sagt denn, dass das nicht alles ein riesengroßer Zufall ist? Vielleicht sind diese Durchsagen ja einfach beiden Autoren aufgefallen. Und so ein abgewandelter Werbespruch fällt einem halt manchmal ein, wenn einem nichts besseres einfällt. Oder auch möglich: Der Autor des WZ-Artikels hat vorher gefragt und Bastian Sick verlangt keine Quellenangabe. Man weiß es ja nicht.

Andererseits: Darf man so etwas wirklich als Nichtigkeit auslegen, wenn in derselben Zeitung, nur ein paar Seiten weiter, die Geschichte von Sheryl Crows Toilettenpapier-Idee noch mal neu aufgewärmt wird, obwohl doch schon seit gestern feststeht, dass sich Frau Crow da einen Scherz erlaubt hat – und die Geschichte an sich noch dazu schon fast eine Woche alt ist?
Zumindest ist hier die Quelle genannt.


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