„Den Lesern ist es schnuppe, wer berichtet“

Axel Borrenkott ist Redakteur für die Aachener Zeitung und die Aachener Nachrichten. Im Gespräch erzählt er, wie er als „Betroffener“ den Umbruch in der Medienlandschaft erlebt und dass bei den Zeitungen erst langsam ein Bewusstsein für den offenen Umgang mit eigenen Fehlern entsteht.

Herr Borrenkott, seit Jahren kämpfen die Verlage gegen sinkende Auflagen. Was könnte diese Tendenz stoppen?

Alle versuchen es mit Crossover von Print und Online. Ob das die Auflage stabilisiert, weiß noch keiner. Wirtschaftlich gesehen interessiert Verlage auch, kurz gesagt, mehr, womit sie genug Profit machen. Warum nicht zunehmend richtung online, wenn die Gesellschaft sich dahin entwickelt? Genau genug weiß niemand, wie die Zeitung sein muss, damit genügend Leser bei ihr bleiben, aber alle machen einen Klimmzug nach dem anderen, um dem tatsächlichen oder vermeintlichen Leserinteresse zu folgen. Selbst die F.A.Z., die sich lange fast trotzig konservativ gab, hat im vergangenen Jahr bemerkenswert offen bekundet, dass sie sich den Annahmen/ Erkundungen über den „modernen, schnellen, optisch orientierten Leser“ beugen muss. Seither gibt es Bildelemente auf der ersten Seite und vor allem in jedem längeren Artikel zusammenfassende Einschübe. Auf jeden Fall ist es plausibel, dass analysierende, bewertende, „tiefer gehende“ Artikel die wesentliche Funktion und Legitimation für Zeitungen sind, die an Aktualität keine Chance mehr gegen elektronische Medien haben. Doch auch da gilt: man weiß es erst in einigen Jahren. Und ob und womit „die Jugend“ ans Blatt zu binden ist, ist auch alles noch im Versuchsstadium.

Was sind denn Ihre eigenen Erfahrungen mit dem „Neuen Web“, in dem die Grenze zwischen Kommunikator und Rezipient zusehends verschwimmt?

Ich habe wenig eigene Erfahrungen damit. Zu den Themen, die ich überwiegend bearbeite – Hochschule und Wissenschaft, meist anhand der regionalen Einrichtungen – melden sich die Leute „konventionell“ per E-Mail oder Telefon. Eine unangenehme Erfahrung habe ich allerdings kürzlich gemacht. Zu einem korrekten, doch zugespitzten Artikel über die arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung zwischen einem Arzt und dem Aachener Uniklinikum hatten wir ein Online-Leserforum eingerichtet. Darin wurde ich drei Wochen lang kampagnenartig von Patienten dieses Arztes ziemlich übel verunglimpft – bis hin zur Behauptung, man habe Beweise, dass ich vom Chef des Klinikums für den Artikel bezahlt worden wäre. Ich habe dann den „übelsten“ dieser Forumsautoren zu einem Gespräch gebeten, in dem er sich quasi entschuldigt hat und im übrigen nichts von dem behaupteten Fehlverhalten des Klinikums belegen konnte. Im Ergebnis dennoch eine interessante, gute Erfahrung. Denn Not und Verzweiflung der Patienten, die fürchten, den Arzt ihres Vertrauens zu verlieren, sind echt und nachvollziehbar, sie brauchte offenbar ein Ventil. Das müssen Medien, die von der Veröffentlichung sensibler Sachverhalte leben, verkraften.

Cuiusvis hominis est errare – also auch Journalisten. Wie wichtig ist für das Medium Zeitung, das vorrangig vom Verkauf von Neuigkeiten lebt, der transparente Umgang mit vergangenen Missgeschicken?

Keine Frage. Das ist unbedingt wichtig. Macht aber keine (mir bekannte) Zeitung vollständig, eher nur die spektakulären, aufgeflogenen Sachen. Bei selbst entdeckten Fehlern gibt es eine Tendenz, das unter der Decke zu halten. In den USA wird die Offenlegung von Fehlern traditionell (in einigen Blättern) schonungslos gehandhabt, mit einer eigenen Spalte der Art „was gestern nicht stimmte“. Da gibt es auch schon lange den Leser-Ombudsmann, der in Deutschland (mit verschiedenen Benennungen) hier und da inzwischen auch eingeführt wurde.

Neben den sich augenscheinlich häufenden (oder zumindest häufiger aufgedeckten) Fehlern und Ungenauigkeiten ist einer der Hauptkritikpunkte an Zeitungen, dass viele Meldungen ungeprüft von Presseagenturen übernommen werden und immer weniger eigene, selbst recherchierte Inhalte die Seiten füllen. Stimmt diese Kritik mit Ihren eigenen Erfahrungen überein?

Ich weiß nicht, ob das „einer der Hauptkritikpunkte“ ist. Da wäre zu fragen von wem, mit welcher Relevanz. Es ist aber eine mindestens partiell zutreffende Kritik, mehr noch aber ein Problem der Redaktionen selbst. Das allermeiste ist für lokale/ regionale Blätter, also die meisten, gar nicht zu prüfen. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass die Agenturen zuverlässig aus Moskau, Taipeh oder auch Marseille berichten (was auch via TV und Internet zunehmend kontrollierbar, gegenzuchecken ist). Grundsätzlich funktioniert auch deren Selbstkontrolle, denn sie leben vom Ruf ihrer Zuverlässigkeit, weil sie konkurrieren. Zweifel sind dennoch, leider, berechtigt. Immer wieder einmal muss man feststellen, dass Agenturen über Dinge, die man selbst kennt, nicht ganz korrekt berichten bzw. sie nicht (ganz) richtig einordnen. Das passiert z.B. gerne dann und wenn Agenturjournalisten auf scheinbar merkwürdige oder ungerechte Verhältnisse von „Betroffenen“ stoßen und darüber berichten, ohne den ganzen Kontext zu recherchieren und sich vor Ort auch nicht gut genug auskennen. So werden uns in Aachen (Dreiländereck mit Niederlande und Belgien) immer wieder einmal mehr oder weniger dramatisierende Storys von Grenzgänger-Problemen angeboten, die sich bei genauerer Kenntnis als übertrieben herausstellen. Dass die meisten Zeitungen auf Agenturen angewiesen sind (die ja weitgehend auch korrekt berichten), ist eine Wirtschaftsfrage. Wir haben nicht die Personalkapazität, alles selbst zu recherchieren. Die Rheinische Post (z.B.) setzt überwiegend auf „eigene Berichte“. Das ist vor allem eine Verkaufsstrategie. Ob die aufgeht, weiß ich nicht. Grundsätzlich muss ein Agenturartikel sachlich (und auch stilistisch) nicht schlechter sein als einer des Hausredakteurs. Den meisten Lesern ist es mutmaßlich schnuppe, wer da berichtet. Ob da dpa oder abt (das ist mein Kürzel) drunter steht, beeinflusst das Interesse an der Sache nicht erkennbar.
P.S.: Einer der dicksten Fehler verschiedener internationaler Agenturen wurde meines Wissens von denen nie klar korrigiert. Dass nämlich der iranische Präsident Ahmadineschad vor zweieinhalb Jahren gesagt haben soll, Israel müsse von der Landkarte verschwinden, ist nachweislich ein „schlichter“ Übersetzungs- oder Hörfehler. Er hatte gesagt, dieses (jetzige) Regime Israels müsse verschwinden.

Die Korrektur solcher Fehler kommt also beim „durchschnittlichen“ Medienkonsumenten nie an; auf Wikipedia dagegen kann man die Kontroverse um die genaue Übersetzung der entsprechenden Stelle nachlesen. Inwiefern kommt die Gesellschaft durch den so genannten Bürgerjournalismus dem Ideal des aufgeklärten, kritischen, selbständig denkenden Menschen näher?

Schwierige Frage. In dieser Absolutheit gegenwärtig noch gar nicht zu beurteilen, außerdem je nach politisch-sozialer Lage unterschiedlich. Zunächst ist es, was die abendländischen Gesellschaften angeht, eine „natürliche“ Konsequenz der historischen Aufklärung, des Partizipationsgedankens und der Kontrollfunktion der Gewaltenteilung mit den heutigen technischen Mitteln. Prinzipiell also nichts Besonderes, potenziell aber effektiver, und selbstverständlich (im doppelten Sinne des Wortes) begrüßenswert. Was es bringt, ob es eine neue Kultur wird, oder ob es sich hierzulande nicht eher auf einen Kreis von Blogfreaks konzentriert, muss man insgesamt abwarten bzw. anhand von Einzelfällen analysieren (wo hat welcher Blog wen oder was zu was bewegt?). Sicherlich ist die massenhafte Online-Demokratie ein möglicher Riesenfortschritt in Ländern, deren politische Verfasstheit bzw. deren Mächtige/ Diktatoren demokratische Regungen nach unseren abendländischen Vorstellungen unterdrücken. Spenden für die Vernetzung in Afrika sind jedenfalls gut angelegt.

Apropos Mächtige: Auch 40 Jahre nach Rudi Dutschke und 30 Jahre nach Hans Esser ist die „Bild“-Zeitung die meistzitierte Zeitung Deutschlands. Warum trauen sich die etablierten Medien nicht, die moralisch zutiefst verwerflichen Methoden der „Bild“ anzuprangern anstatt sie weiterzuverbreiten; über ihre Hetzkampagnen und Lügen aufzuklären – als Angebot an den und im Interesse des Lesers? Ist die Furcht vor der Macht des Axel-Springer-Imperiums zu groß?

Was heißt „meistzitiert“, das kann ja auch im Schlechten sein. Zeitungen wie SZ oder F.A.Z. decken jedenfalls regelmäßig Bild-Schmutz auf. Welcher Verlag warum und wieviel Angst vor dem Springer-Konzern hat, darüber habe ich keine Kenntnisse. Man muss allerdings zur Kenntnis nehmen, dass „Bild“ von bis zu fünf Millionen Lesern täglich gekauft wird, was statistisch rund 15 Millionen Lesern entspricht. Ein erheblicher Teil des Volkes kommt also, so oder so, mit „Bild“ klar. Höchst wahrscheinlich auch der Nachbar.

Weiterführende Links:

„Es wird viel darüber diskutiert, ob Blogs Gegenöffentlichkeit schaffen können. Für mich steht fest: Sie können zumindest Öffentlichkeit schaffen.“ Peer Schader über das Drama eines geklauten Zeitungsartikels mit Exposition, Klimax und Lösung.

Stefan Niggemeier über die „Chronologie einer Falschmeldung“ in bisher fünf Teilen plus Zusatzzahl sowie „die [grenzenlose] Beklopptheit deutscher Medien“ in zwei Teilen.

Über die Abwege der Online-Ableger traditioneller Medien – und wie das Web den Journalismus allgemein verändert – hat die Friedrich-Ebert-Stiftung 2007 ein Gutachten veröffentlicht, in dem ein paar bemerkenswerte Sätze stehen: „Wie in Trance folgen die meisten Online-Redaktionen dem Leitmedium „Spiegel Online” und seinem Kanon eines neuen, leichtlebigen, unterhaltenden, tendenziösen Netzjournalismus. Dabei geben die Journalisten ohne Not jahrzehntelang bewährte journalistische Prinzipien preis. Sie begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Denn die meisten werden den Internet-Konzernen nicht Paroli bieten können, selbst wenn sie noch so viele Rätsel, Bildergalerien und Telefon-Tarifrechner auflegen. Das Massengeschäft gehört längst Google und den Unterhaltungsportalen.“ (S. 81, Z. 3ff.)


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