Schmetterlinge und Hurrikane I
Bevor ich in einer Woche um diese Zeit in einem Haufen Betrunkener untergehen werde, muss ich kurz noch loswerden, was vor zwei Jahren in Scheeßel los war. Ein Wochenende, drei Tage, jeden Tag ein Teil. Heute – welch Überraschung – Freitag. Viel Spaß.
Es begab sich also zu jener Zeit, dass die Jugend des Landes noch am Freitag Zeugnisse bekam. Der nette Beratungslehrer hatte uns aber auf vorherige Nachfrage versprochen, das Schuljahr pünktlich zu beenden, was für eine Gruppe von vier Zwölf-Klässlern auch dringend nötig war, denn sie musste nur knapp eine Stunde später am Krefelder Hauptbahnhof sein, auf geradem Weg zum zweifellos besten Ferienanfang seit Menschengedenken. Doch wie nicht anders zu erwarten, wurde natürlich nicht pünktlich Schluss gemacht und so wurde der Zeitdruck noch größer. Nachdem ich nun endlich mein Zeugnis bekommen hatte, durfte ich auf Genehmigung des schon genannten Beratungslehrers sofort mit dem Fahrrad nach Hause düsen. Meine Tasche hatte ich zum Glück schon am Vorabend gepackt, die Sachen mussten nur noch im Auto verstaut werden. Dieses und jenes noch kurzfristig eingesteckt und ab ging die lustige Runde quer durch Willich und Schiefbahn, um noch die verbleibenden Mitfahrer aufzusammeln. Zwar später als geplant, aber wundersamer Weise immer noch im knappen Zeitrahmen, kamen wir pünktlich am Bahnhof an. Also alle schnell zum Kartenschalter und das Schöner-Tag-Ticket der Bahn ziehen. Ging alles soweit problemlos mit dem Auswählen, bis dann das Zahlen dran war. „Ähm … Wo kommt denn der Geldschein rein? Der Schlitz ist zu klein und eine Öffnung für Kleingeld sehe ich hier ebenfalls nicht …“ Schnell jedoch – wie man es von mir kennt – analysierte ich: „Das ist nur der Kartenautomat.“
Meine Mitfahrer wussten nicht, ob sie mich dafür jetzt schlagen oder loben sollten, denn ich war auch derjenige gewesen, der zielstrebig zu genau diesem Automaten gestürmt war. Aber ein gegenüber liegendes Gerät war dann des Problems Lösung. Zwar umständlicher zu bedienen, aber immerhin betriebsbereit. Auch keine Selbstverständlichkeit.
So kamen wir also doch noch fünf Minuten vor der planmäßigen Ankunft des Zuges am Bahnsteig an. Also erst einmal eine Verschnaufpause eingelegt, wir hatten immerhin einiges zu schleppen. Dass es nicht noch mehr war, ist unserer anderen Gruppe von drei Menschen zu verdanken, die zufällig an ihrem letzten Schultag krank war und vom Arzt einige Tage Erholung im Luftkurort Scheeßel verschrieben bekam, dem Ort, der zufällig auch Ziel unserer Reise war. Ins besagte Scheeßel nun hatte unsere Vorhut schon einen großen Teil der für sie wirklich wichtigen Sachen wie … Bier mitgenommen, sodass es für uns vier Nachzügler nicht mehr so schwer wurde.
Und dann ging es los. Die Bahn war wider Erwarten pünktlich, was sich später sogar als überraschende Selbstverständlichkeit herausstellen sollte. Die größte Verspätung, die einer der von uns benutzten Züge hatte, waren fünf Minuten. Zumindest stand das auf der Anzeige, er war aber tatsächlich höchstens drei Minuten zu spät. Alle anderen waren meistens sogar etwas zu früh da. Die meisten meiner Klischee-Vorstellungen über die Bahn haben sich an diesem Wochenende erledigt, aber es wurden auch neue geboren. Mehr dazu an einem anderen Tag.
Vorbei an Ruhrgebiet und Münsterland waren wir nach ein bis zwei Umstiegen schon in Niedersachsen. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto voller wurden die Züge, wohl nicht ganz zufällig vornehmlich mit etwa gleichaltrigen, mit Isomatten und Tramper-Rucksäcken vollbepackten Gruppen.
Nach etwas mehr als fünf Stunden sehr angenehmer und ruhiger Fahrt – nur leicht getrübt von der Tatsache, dass wir kaum Sitzplätze ergattern konnten und dementsprechend hauptsächlich auf dem Gang sitzen bzw. stehen mussten – kamen wir dann in Scheeßel an und uns wurde zum ersten Mal bewusst, welch ein Fehler es war, doch so viel mitzuschleppen. In der im Internet gefundenen Beschreibung hieß es zwar, es sei nur ein knapper Kilometer vom Bahnhof bis zum Festival-Gelände, aber auch ein Kilometer kann sich ganz schön ziehen, wenn man beide Hände und den Rücken vollgepackt mit schweren Taschen hat.
Zum Glück kam uns die andere Gruppe etwa auf der Hälfte der Strecke, für die wir schon knapp 20 Minuten gebraucht hatten, mit einem Einkaufswagen entgegen. Jeder durfte seine schwerste Tasche hineinwerfen, wodurch es schon um einiges schneller voran ging.
So ging es zum Anmeldezelt, in die Schlange gestellt, Karte vorgezeigt, Bändchen um den Arm bekommen, Müllpfand-Chip dazu, ein paar Schritte weiter den Müllsack abgeholt und dann ging es zum Campingplatz, um endlich das Gepäck loswerden. Im Hintergrund waren schon die ersten Bands zu hören, aber das war erst einmal nebensächlich. Außer Voltaire, die schon vor unserer Ankunft gespielt hatten, wollte ich am frühen Nachmittag sowieso noch keine Band sehen.
Doch schon am Eingang zum Campingplatz war dann die nächste Hürde zu nehmen, denn die Ordner ließen keine Zelte mehr zu und so musste erst jemand von der Nachbarkolonie hinzu geholt werden, der bestätigen durfte, dass die anderen bewusst Platz für uns freigehalten hatten. So wurden auch die Ordner überwunden und uns trennten nur noch die paar Meter von der von den anderen ausgewählten Zeltstelle – und damit von einer gemütlichen Isomatte, auf der man sich einmal kurz strecken konnte.
Mir hatte man einen Schlafplatz im Zweierzelt von Anne zugeteilt. Das war, wie sich später herausstellen sollte, für mich ein echter Glücksfall.
Während die anderen einen Kopf (ich war ja eh schon immer Anhänger dieser lustigen Jugendsprache) nach dem anderen rauchten, fing ich an, etwas auf der Gitarre herum zu schrammeln um mir die Zeit zu vertreiben. Schnell wurden uns die ersten Sitten und Bräuche unseres Camps näher gebracht. So hieß es nicht mehr „Helgaaaaaa“ nein, „Yussuuuuffff“ war der neue Gesuchte. Des Weiteren hatte man ein neues Lieblingslied gefunden, das nur aus einer Zeile bestand: „Ich will mit dir chiiiiill’n“. Wir wussten zwar alle, dass dies ein Lied von Revolverheld war, aber da keiner von uns unmittelbare Verwandte oder Bekannte hatte, die diese Band hörten, geschweige denn, dass jemand von uns sie selbst gut fand, wusste auch keiner, wie die Melodie ging, weshalb wir uns auf irgendetwas sehr hohes, sehr schräges einigten, von dem wir annahmen, dass es der Original-Melodie am nächsten käme, obgleich wir selbiges zutiefst anzweifelten. Es machte trotzdem Laune, diese Textzeile bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu rezitieren – und sei es nur, um seine Zeltnachbarn zur Weißglut zu bringen.
Um 19 Uhr ging es dann endlich zum ersten Konzert, dem von Seeed. Leider waren wir bei Leibe nicht die einzigen, die auf die Idee kamen, um genau diese Zeit auf das Festivalgelände zu wandern, und so kam es im Eingangsbereich zu einer sehr großen Menschentraube, da die Ordner jeden auf die Sicherheit gefährdende Mitbringsel überprüften. Eigentlich ja ein sinnvolles Unterfangen, aber man kann es auch übertreiben: So durfte man zum Beispiel nur Tetrapaks ohne Deckel mitnehmen, da diese zugeschraubt gefährliche Wurfgeschosse seien. Ob die Regel nicht stattdessen eher ins Leben gerufen wurde, um den Getränkeverkauf anzukurbeln, sei einmal dahin gestellt.
Als wir endlich durch die Kontrolle waren, spielten Seeed schon und wir stellten uns recht weit nach außen um direkt nach diesem Konzert zur anderen Bühne spurten zu können, wo im Anschluss Arctic Monkeys spielen würden. Seeed machten zwar Stimmung, aber leider hatte der Toningenieur seine Arbeit nur mangelhaft verrichtet, weshalb alles viel zu leise und schwammig war. Schon nach einer halben Stunde bzw. nur vier oder fünf Liedern machten wir uns allerdings schon auf den Weg von der grünen zur blauen Bühne – man wollte ja wenigstens bei Arctic Monkeys pünktlich sein und möglichst weit vorne stehen.
Und so standen wir dort, quetschten uns von Zeit zu Zeit mal durch eine Menschenlücke und schafften es tatsächlich, etwa zehn Minuten vor Konzertbeginn ziemlich mittig und mit gutem Blick sowohl auf die Bühne als auch auf die beiden Videoleinwände zu stehen. Durch ein paar nicht weiter erwähnenswerte Umstände verlor ich aber bei einem erneuten Platzwechsel den Kontakt zu den anderen, aber ich konnte von meinem finalen Standpunkt immer noch recht gut sehen und die Stimmung war auch sehr gut.
Kleine Anekdote: Neben mir zwei sehr skeptische etwa 20-jährige. Sie schienen zwar schon mal was von Arctic Monkeys gehört zu haben, aber das war es anscheinend auch schon. Denn als Alex Turner zum ersten Mal auf den beiden Videoleinwänden neben der Bühne in Großaufnahme zu sehen war, kam von einem der beiden ein abwertendes: „Was ist das denn? Ist der 12 oder was? Hat der sich vom Kindergeburtstag weggeschlichen oder was?“ Ich konnte mir ein ziemlich breites Grinsen nicht verkneifen – und so schlug die Antipathie der beiden sehr schnell von Alex Turner auf mich über. Aber das war es mir wert.
Das Konzert selbst war sehr schön, auch wenn die Band etwas mehr auf die hervorragende Stimmung im Publikum hätte eingehen können. Stattdessen war, wie allerdings auch nicht anders zu erwarten, das einzige, was Alex Turner mal zwischen den Liedern von sich gab, ein daher genuscheltes „Thank you“ oder auch ein oder zwei Mal irgendetwas mit „You are great“, wobei es ihm sichtlich unangenehm war, so viele Emotionen in Worte zu packen. Dafür kam die Stimmung der Musik aber großartig rüber.
Direkt anschließend ging es wieder hinüber zur grünen Bühne, wo schon seit einer halben Stunde Fettes Brot spielten. Ich bin zwar jetzt nicht so der riesige Hip-Hop-Fan, aber sie spielten ja mit Liveband und rockten dementsprechend auch ziemlich das Gelände. Besonders witzig: Die Bandmitglieder versuchten sich gegenseitig mit Neuinterpretationen von „Nordisch by nature” zu überbieten, einmal als „Don’t worry, be happy“, ein anderer versuchte sich an „Sailing“, während der dritte Mallorca-Stimmung aufkommen ließ, als er „Macarena“ mit dem Nordisch-by-Nature-Text adelte.
Man entschied sich aber schlussendlich und gaaanz spontan für den Vorschlag des DJs – „I like to move it“. Über die Qualität der gecoverten Lieder lässt sich wohl streiten, nicht aber darüber, was die Brote daraus gemacht haben – denn das war überaus schwungvoll.
Als nächstes knüpfte ich mir Tomte vor, die laut Plan um 22:30 Uhr anfangen sollten zu spielen, also genau, als Fettes Brot aufhörten. So ergab es sich, dass ich mich ein wenig sputen musste, um von der grünen wieder zur blauen Bühne zu gelangen.
Leider war es zu diesem Zeitpunkt schon recht kalt und ein T-Shirt ist nicht wirklich zum Wärmen geeignet. Zum Zelt zurückgehen hatte auch keinen Sinn, da es abgeschlossen war und ich den Schlüssel nicht hatte, also musste ich mich ein wenig näher in Richtung Bühne schieben und quetschen, auf dass es mir in der Enge wieder wärmer würde. Lange machte mein Körper das aber auch nicht mit, denn es war sehr staubig, sodass das Atmen schon einmal sehr erschwert wurde. Doch auch, wenn man mal etwas Luft abbekam, es war gebrauchte, verschwitzte Luft, die einen eher zum Umkippen denn zum Aufstehen brachte. Es nützte zwar etwas, den Kopf zu recken und sich aus der Masse ein wenig abzuheben, aber das machte der Rest meines Körpers nicht mit, denn ich stand schon den ganzen Tag, mir taten alle nur erdenklichen Knochen weh.
So siegte mein Körper über meinen Willen, Tomte zu sehen und mir blieb nichts anderes übrig, als aus dem Getümmel wieder herauszugehen. Nach kurzer Suche nach einem Sitzplatz wurde ich auf die „Tribüne“, die den Eichenring, ja eigentlich eine Motorcrossstrecke, an einer Seite begrenzte, aufmerksam und ließ mich erleichtert nieder. Allerdings bekam ich dort schon recht bald wieder die unbequeme Kälte des hohen Nordens zu spüren. So wickelte ich mich noch etwas mehr in mein dünnes Leibchen ein und hoffte, der Tag möge alsbald zuende sein und ich könne zum Zelt zurück. Von der einen Bühne schallten die Reste von Tomte, von der anderen die übermächtigen Beginne eines nicht enden wollenden Manu-Chao-Irgendwas. Alle Lieder gingen ohne Unterbrechung ineinander über und statt, wie man es als Durchschnittsbürger erwarten könnte, die relaxten Hits wie „Me gustas tú” oder „Bongo Bong (Je ne t’aime plus)” rauszuhauen, gab er seine gesammelte Liederschar in einer Mischung von Punk-Rock, Akkustik-Gitarren und sinnlosen Herümgehüpfe, manchmal unterbrochen von einem schrecklich zugehallten Heulen und Schreien des Bassisten, zum Besten. So und unter diesen Umständen hatte ich mir das Konzert nicht vorgestellt. Wäre ich noch etwas fitter gewesen und hätte ich mir nicht die ganze Zeit die Ohren zugehalten, weil es mir selbst aus dieser Entfernung – schätzungsweise 200-300 Meter – noch zu laut war, würde ich sicher anders darüber denken, denn es war sicherlich sehr interessant, die Lieder alle einmal völlig neu interpretiert zu hören. So aber war ich zu erschöpft, um auf so etwas zu achten.
Um 1 Uhr fingen Maxïmo Park an und ich saß immer noch wie festgefroren auf meinem einsamen Platz und wollte endlich zum Zelt. Stattdessen bin ich noch einmal, mehr zum Aufwärmen denn zum Feiern, in Richtung blaue Bühne getapert. Doch ich schwor mir, direkt zu gehen, wenn sie mein Lieblingslied „The coast is always changing“ gespielt hätten. Leider, oder, um von meiner damaligen Situation auszugehen, eher zum Glück, war es direkt das erste Lied, nachdem ich angekommen war. So machte ich mich glücklich, aber totmüde auf den Weg zum Zelt, der auch noch einmal mindestens doppelt so lang ist, wenn man keine Kraft mehr hat, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Schließlich doch in unserem Camp angekommen, wurde ich schon sehnsüchtig von den anderen erwartet.
Wo ich denn gesteckt hätte, wollten sie wissen, wenn ich nicht innerhalb von zehn Minuten erschienen wäre, hätten sie mich bei der Polizei als vermisst gemeldet. Über solche Witze konnte ich nur noch im wahrsten Sinne des Wortes müde lächeln und auch die Information, sie seien schon seit mindestens anderthalb Stunden hier, brachte mich nicht mehr in Rage. Ich machte mich stattdessen auf schnellstem Weg in Richtung Matratze und von da aus direkt ins Reich der Träume auf.
Über diesen Eintrag
Du liest grade „Schmetterlinge und Hurrikane I“ im MainPlog
- Autor:
- Patrick
- Veröffentlicht:
- 13.06.2008 / 13:56 Uhr
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- Tags:
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Alex Turner, Arctic Monkeys, Deutsche Bahn, Fettes Brot, Hurricane-Festival, Manu Chao, Maxïmo Park, Revolverheld, Scheeßel, Seeed, Tomte
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