Schmetterlinge und Hurrikane II

Der nächste Tag auf dem Hurricane-Festival 2006 fing genauso schlimm an, wie der alte aufgehört hatte, nur unter komplett anderen Vorraussetzungen. Meine Knochen taten zwar immer noch genauso weh wie am Abend zuvor, doch nun kam zu allem Überfluss auch noch extremer Muskelkater hinzu. Das war jedoch noch nicht einmal das schlimmste; das war die Hitze, die mich schon um 7 Uhr weckte und mich auf schnellstem Wege aus dem Zelt heraus an die frische Luft beförderte. Nach einigem Brüten in der immer unerträglicher werdenden und allgegenwärtigen Hitze entschieden wir uns dafür, etwas für unser leibliches Wohl zu tun, nämlich einfach mal einkaufen zu gehen. Also die Strecke, die wir schon am Vortag vom Bahnhof her abgeschritten waren, zurück. Zwar ging es sich ohne Gepäck eigentlich um einiges leichter, was aber durch die körperlichen Schmerzen ohne weiteres ausgeglichen wurde.
Brot, Getränke und jede Menge Naschereien und Süßigkeiten; so sah der imaginäre Einkaufsplan aus, der auch streng eingehalten wurde, immerhin war es die letzte Möglichkeit, noch was zu kaufen, denn sonntags haben die Geschäfte ja bekannterweise zu und die Preise der Buden rund um das Festivalgelände waren unerschwinglich.
Auf dem Rückweg machten wir noch an einem Pommesbüdchen halt, denn es war schon Mittag und etwas warmes zu essen muss ja auch sein.
Gegen 13 Uhr waren wir dann wieder zurück im Camp, knapp zehn Minuten später machten wir uns auf zum Eichenring. Am Eingang war diesmal zum Glück nicht so viel los wie am Vortag, aber wir waren ja auch um einiges früher dran.
Uns schallten von der grünen Bühne noch Töne von Skin entgegen, weshalb wir aber eigentlich nicht gekommen waren. Denn im Anschluss standen die Kooks auf dem Terminplan und das bereitete mir einiges Kopfzerbrechen, denn ich konnte partout nicht verstehen, wie solch eine geniale Band mit einem 14-Uhr-Auftritt abgestraft wurde.
Als das Konzert dann jedoch in vollem Gange war, war mein Unverständnis dann nicht mehr so groß. Es war zwar nicht schlecht, aber irgendwie auch nicht gut. Auf der einen Seite hörte sich alles genauso an wie auf der CD, auf der anderen Seite dann aber auch gar nicht; es war einen ständiges Auf und Ab, was sich auch über den Gang des Sängers sagen lässt, der ohne erkennbares Ziel sehr gelangweilt von einer Seite der Bühne zur anderen trabte und sich um das Publikum nicht allzu sehr scherte. Unvergesslich bleibt jedoch seine Begrüßung im breitesten Brightoner Dialekt: „Hi, we‘re d‘Keeks“. Wunderbar. Doch zurück zur Musik:
Die Gitarren klangen unerfindlich schräg, auf jeden Fall viel zu hoch, der Schlagzeuger holte auch wahrlich nicht das aus seinem Instrument heraus, was er noch auf Platte zu leisten im Stande war. So bleibt der fade Beigeschmack, dass beim Album wohl doch etwas nachgeholfen wurde und das ganze doch nicht so wirklich in Garagenrock-Manier an einem Stück aufgenommen wurde. Aber ich mag es immer noch, das Album.
Dafür wurde ich beim nächsten Konzert mehr als entschädigt. Wir kamen nämlich in den vorderen Bereich hinein, direkt in die zweite Reihe. Eine perfekte Ausgangssituation, um Jack Johnsons bestem Kumpel, Donavon Frankenreiter, bei der Arbeit zuzuschauen und ein wenig zu entspannen. Die Musik war zwar etwas rockiger als auf den Alben, aber für ein „Ich will mit dir chiillll’n“ reichte es immer noch.
Zwischendurch fiel uns dann auf, dass der Bassist dem Schauspieler Ewan McGregor aufs Haar glich, leider versteckte er seine Augen hinter einer dieser zu jener Zeit topmodischen so genannten Porno-Brillen, sodass der ultimative Beweis fehlt, aber wir könnten trotzdem schwören, dass er es war.
Sehr gut gefallen hat mir übrigens der Keyboarder, der eine viel dominantere Rolle übernommen hatte als auf den Alben und zwischendurch immer mal wieder (zumindest für einen Keyboarder) äußerst lange Soli hatte. Überhaupt jammte die Besetzung sehr viel herum, hier mal ein Solo, da mal ein Instrumentalteil … Habe ich schon erwähnt, dass es mir sehr, sehr gut gefallen hat?
Aber es sollte noch besser werden, denn als nächstes war DIE Hypeband des Sommers an der Reihe: The Raconteurs.
Auch ich konnte mich dem Hype spätestens ab dem Zeitpunkt nicht mehr verwehren, als Katharina mich auf dieses eine Lied ansprach, das sie im Radio gehört hatte … „Find yourself a girl/ and settle down/ live a simple life/ in a quiet town,“ summte sie mir irgendwann im April 2006 mehr vor als dass sie sang und ich brauchte sicherlich eine halbe Stunde, bis ich das Lied erkannt hatte, denn ich kannte es wohl schon vorher, hatte mich aber nicht so intensiv damit beschäftigt. Als ich es, „Steady, as she goes“, mir anschließend aber mal genauer anhörte, ließ es mich nicht mehr los, genauso wie nahezu jedes andere Lied auf dem Album, insbesondere „Yellow sun“, auf das ich beim Konzert besonders gespannt war, weil ich unbedingt diesen genialen Schlagzeug-Rhythmus echt und in Farbe erleben wollte. Komischerweise sah es gar nicht so schwierig aus, was der Drummer da fabrizierte, und es hörte sich dennoch so an, wie es sollte. Ich war überrascht, ob positiv oder negativ, kann ich gar nicht sagen. Ganz klar negativ überrascht war ich dagegen von „Steady, as she goes“, das sich nicht halb so gut anhörte, wie auf dem Album. Die anderen Lieder aber waren zwar unkonventionelle Umsetzungen, aber es steht ja jedem Künstler frei, sein Liedgut seinen Wünschen entsprechend zu interpretieren. Und wenn man sich diesem Umstand einmal hingegeben hat, konnte man das Konzert wirklich genießen. Natürlich hat Jack White keine grandiose Stimme, aber sie ist markant und unverwechselbar und auch so etwas kann eine Band gut machen, zumal er extrem gut drauf war, ungewohnt frei und offen mit dem Publikum interagierte und sichtlich Spaß dabei hatte, die Lieder seiner neuen Band das erste Mal auf einem Festival aufzuführen. Brendan Benson war gewohnt lässig drauf, was auch für die Rhythmus-Sektion, bestehend aus Schlagzeuger und Bassist der Greenhorns, galt. Der Bassist sieht übrigens in echt noch seltsamer aus als auf Fotos.
Aber nicht nur die Raconteurs ließen einen Kracher nach dem anderen raus, auch die Sonne höchstpersönlich heizte dem Publikum mächtig ein. Schon sehr früh hatten die Sicherheitskräfte ein Einsehen und spritzten mit Feuerwehrschläuchen in die johlende und jauchzende Menge, zusätzlich wurden Wasserbecher in Mengen verteilt, eine sehr vernünftige Aktion, um Hitzekollapsen vorzubeugen.
Mittlerweile war es schon früher Abend und während Hard-Fi spielten, stellte ich mich wieder an der Schlange für den Innenkreis an, denn anschließend sollten meine (Zweit-)Lieblingsschweden spielen: Mando Diao. Aus den Ohrenwinkeln (sagt man das so?) konnte ich vernehmen, wie der Sänger von Hard-Fi einen Ton nach dem anderen versemmelte und war sehr froh, mich in diese Traube gequetscht zu haben, anstatt das Gejaule von Hard-Fi aus nächster Nähe mitzubekommen. Eigentlich finde ich die Band ja gar nicht schlecht, insbesondere die Musik gefällt mir sehr gut, aber ich mag sowohl den Sänger als auch seine Texte einfach nicht leiden, er kommt mir sehr aufgesetzt und künstlich vor und seine Texte wirken uninspiriert.
Wie auch immer, nach etwa einer Stunde des Beine-in-den-Bauch-stehen und dabei-keine-Luft-bekommen, weil es so heiß und dicht gedrängt war, schickten uns die Ordner mit der Begründung, dass wir viel zu viele wären und gar nicht alle in den inneren Kreis könnten, wieder weg. Na toll, das hat sich ja mal gar nicht gelohnt. Inzwischen hatte die Runde gemacht, dass Deutschland im Fußball gegen Schweden gewonnen hatte, was zwar die meisten um mich herum freute, mir aber eher Sorgen bereitete, da nun hintereinander zwei schwedische Bands auf der grünen Bühne auftreten würden und ich gut hätte nachvollziehen können, wenn sie nicht wirklich gut gelaunt wären.
Doch das Gegenteil war der Fall: Nachdem ich mich etwas enttäuscht im großen Pulk ganz weit hinten einreihen musste, legten Mando Diao los. Und nicht nur die: Auch um mich herum waren alle bester Laune, doch das ständige Gehüpfe hatte ganz klar auch Schattenseiten, denn der staubtrockene Boden wurde dadurch extrem aufgewirbelt, man bekam kaum noch Luft und auch die dauernde Berieselung mithilfe der Wasserschläuche half da kein bisschen. Aber es gibt härtere Schicksale, wenn man währenddessen Mando Diao in Topform sehen und hören darf. Sie spielten sogar einige Stücke ihres damals noch nicht erschienenen Albums und mir war recht schnell klar, dass sie damit nahtlos an die beiden vorigen Alben anknüpften, zumindest, wenn sich auch die anderen Lieder auf „Ode to Ochrasy“ so oder so ähnlich anhörten.
Nachdem die fünf Jungs von der Bühne verschwunden waren, machte ich mich schnellen Schrittes auf zur blauen Bühne, denn zeitgleich fing Adam Green an. Während ich mich also von der grünen Bühne entfernte, hörte ich zum ersten Mal an diesem Wochenende „Zugabe!“-Rufe und ich hätte aus voller Kehle mitgerufen, wäre mir der Herr Green nicht noch ein bisschen lieber als Mando Diao.
Obwohl es schon deutlich nach 20:45 Uhr war, erklang noch kein Ton, als ich an der blauen Bühne ankam. Ich konnte mir sogar noch einen Platz suchen, von dem aus ich alles gut im Blick hatte, auch wenn es nicht allzu weit vorne war. Wenn ich gewollt hätte, wäre aber auch ein Platz weiter vorne drin gewesen; so voll war es nicht, was wohl daran lag, dass die meisten noch bei Mando Diao waren und dort auch bleiben würden, da dort als nächstes The Hives dran waren.
Mit einigen Minuten Verspätung kam also Adam Green auf die Bühne und er machte das, was ich von ihm erwartet hatte: er alberte herum. Mal stimmte er „Wind of change“ an, mal holte er einen Zuschauer auf die Bühne, weil der unbedingt mit ihm „Bungee“ singen wollte. Dann entstiegen auf einmal zwei wohl in Anlehnung an „Bunny Ranch“ als Häschen verkleidete Frauen dem Publikum, mit denen er, während er völlig aus dem Takt „Dance with me“ sang, eine Art Hoppel-Polonaise aufführte. Kurz: Adam, wie er leibt und lebt. Und wenn der mal keine Drogen intus hatte, dann weiß ich auch nicht, mit solcher Inbrunst sang er „I like drugs“.
Trotzdem, oder gerade deshalb, eines der besten Konzerte überhaupt, soviel Kommunikation und Spontaneität habe ich überhaupt noch nie bei einem Künstler auf der Bühne gesehen.
Als nächstes versuchte ich wieder, in den Bereich direkt vor der Bühne zu gelangen, was auch überhaupt kein Problem war, was vielleicht auch daran lag, dass ich sehr früh da war und ich es an der blauen Bühne versuchte. Zwar spielte fast zeitgleich auf der grünen Bühne die Samstagabend-Hauptband The Strokes, aber Element of Crime, die Band von Schriftsteller Sven Regener, sagt mir einfach mehr zu. So stand ich wiederum irgendwo zwischen erster und dritter Reihe, sah der Band beim Aufbau und Stimmen ihrer Instrumente zu, wunderte mich, dass es nicht voller wurde und vor allem über den Altersdurchschnitt, denn bei Element of Crime, bei der meine Mutter sagt, dass sie die schon gut gefunden hätte, bevor ich geboren wurde, hätte ich nun nicht gerade mit 90% Menschen in meinem Alter gerechnet.
Macht aber nichts, Stimmung war trotzdem super, schön ruhig, entspannt. Aufgefallen ist mir, dass sie nur zwei Lieder gespielt haben, die nicht vom neuen Album „Mittelpunkt der Welt“ stammten. Schade eigentlich, auch wenn das neue mein absolutes Lieblingsalbum von Element of Crime ist, aber ein wenig mehr Abwechslung hätte ich mir dann doch gewünscht. Wie auch immer. Weiteres Highlight: Herr Regener mit Trompete. Klingt weitaus besser und passender als auf Platte.
Danach war aber Schluss für mich. Strokes auf der grünen Bühne musste ich mir nicht unbedingt antun, die waren, als Element of Crime ihren Auftritt beendet hatten, auch glaub ich gar nicht mehr dran, obwohl die noch eine Dreiviertelstunde länger hätten spielen sollen. Bis auf eine mysteriöse Kamerazerstörung, die ich mir aber wieder zu Hause viel besser im Fernsehen anschauen konnte, habe ich, so berichtete man mir später am Zelt, auch nicht wirklich was verpasst. Wieder mal die richtige Entscheidung.
Und damit war wieder ein Tag rum. Wohl ziemlich überwältigt von den Eindrücken beteiligte ich mich nicht mehr wirklich an der abendlichen Berichte-Runde, sondern besann mich eher auf meinen Schlafplatz.


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