Hurrikane und Schmetterlinge III
Auch am nächsten Morgen, dem letzten des Hurricane-Festivals 2006, erwartete mich das bekannte Wetter: Sonne, Hitze, kein Schatten.
Bands hatte ich an diesem Tag ebenfalls nicht viele auf dem Terminplan; nur abends Wir sind Helden und MUSE – und bis dahin viel Zeit zum Schwitzen, Dünsten und Braten. Ein wenig Duschen, mal auf der Video-Leinwand beim WM-Spiel der Engländer vorbei schauen – so gestaltete sich der Tag. Nur nicht zu viel tun und das auf keinen Fall zu schnell, dabei aber nie vergessen, genug zu trinken.
Bei unseren Nachbarn mit einem Ohr ein wenig Radio mitgehört: „… zieht derzeit über große Teile des Bundesgebiets ein Sturm hinweg, der enorme Regenfälle und erhebliche Verwüstungen mit sich bringt …“ Ja nee, ist klar. Ein Blick nach oben und jeder noch so ungeübte Hobby-Meteorologe — also ich — war sich absolut sicher, dass angesichts nicht vorhandener Wölkchen und trotz fortgeschrittener Zeit immer noch Temperaturen jenseits der 30°C über dieses Gebiet der Bundesrepublik garantiert kein Sturm hinweg zieht, selbst ein laues Lüftchen schien ganz und gar undenkbar.
Gegen 19 Uhr schleppten wir uns dann – gaaanz langsam natürlich – Richtung Festivalgelände. Einen Sitzplatz nahe des Getränkestandes sichern, eventuell sogar noch ein wenig Schatten von irgendwas mitbekommen – mehr konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht tun. Kurz bevor Wir sind Helden anfingen, suchten wir uns dann einen Platz nahe des Kamerakrans und machten uns einen schönen Abend. Auch, wenn es von dort immer noch recht weit zur Bühne war, konnte man alles gut sehen, unter anderem, dass Frau Holofernes irgendwie zugenommen hatte. „Ist die schwanger?“, rumorte es.
Ich weiß ja nicht, wie es sonst so auf Wir-sind-Helden-Konzerten ist, aber ich hätte doch ein wenig mehr erwartet. Meine Ernüchterung mag auch daran gelegen haben, dass ich einfach schon längere Zeit Wir sind Helden nicht mehr gehört hatte und in ihrer Musik nicht „drin war“, wie man so sagt. Unspektakulär trifft es vielleicht am ehesten, aber immerhin war es ja ganz lustig. Die Band verabschiedete sich mit einem ehrlich klingenden „Viel Spaß gleich bei MUSE!“ und verschwand dann hinter der Bühne.
Eine Stunde noch, bis MUSE selbige betreten, eine Stunde noch, bis sie anfangen. Eine Stunde noch. Komischerweise begannen die Arbeiter auf dem Gelände schon, die Abdeck-Planen vom Kameraturm und der Bühne zu montieren, die Videowände hatte man schon während des Wir-sind-Helden-Konzerts etwas nach unten gefahren. Vielleicht wollten die Arbeiter ja früher Feierabend haben, aber schon während des vorletzten Konzerts damit anfangen? Nun ja, meine Gedanken darüber verliefen sich recht schnell im Sand, stattdessen drehten sie sich hauptsächlich darum, wie geil „New Born“ denn nun wirklich wird und ob der Herr Bellamy das Klaviersolo bei „Butterflies & Hurricanes“ macht, und so überhörte ich auch die sich mehrende Anzahl an Menschen, die nach einem Blick in den Abendhimmel entweder be- oder entgeisterte Kommentare losließ.
Auch ich hatte aber irgendwann mitbekommen, dass da etwas los zu sein schien – und es war wirklich etwas los: Eine riesige dunkle Wolkenfront machte sich gerade daran, über dem Festivalgelände ihren Nachtplatz zu vorzubereiten.
Am Vortag schien um diese Zeit noch die Sonne, doch nun war es nahezu finster. Wenig später fing es dann an zu regnen. Eigentlich wunderschön, endlich mal etwas Abkühlung, doch ein wenig beunruhigend war es dann schon, als sich nach etwa fünf Minuten, in denen der Regen unaufhaltsam stärker geworden war, alles knietief im Wasser befand.
Die ersten Gesänge begannen: „Wir ham den Hurricane, wir ham den Hurricane!“, da nun auch der Wind zusehends auffrischte und mir langsam klar wurde, warum die Abdeck-Planen abmontiert wurden. Die ersten Blitze waren zu sehen und auch unter dem überdachten Getränkestand war man dank des Windes nicht mehr sicher vor dem Regen. Auf der Bühne begann man, die milchig-durchsichtigen Plastikröhren, die für das MUSE-Konzert gebraucht wurden, zu demontieren, was in mir ein eher ungutes Gefühl auslöste. Wind und Wetter dagegen konnten mir gar nichts anhaben; im Rausch der begeisterten Gesänge trugen sie stattdessen zu einer unvergleichlichen Atmosphäre bei, während die ersten Frostbeulen bereits das Festivalgelände verließen, um ihre Zelte aufzusuchen.
Es war zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr einfach, überhaupt zum Ausgang zu gelangen, was zum einen an der Finsternis und der dichten Regenwand lag, zum anderen aber auch daran, dass der Boden durch den anhaltenden Regen natürlich komplett aufgeweicht war und man einfach manchmal stecken blieb und auf die Hilfe anderer Musikfreunde angewiesen war.
Im folgenden Video kann man die zuversichtliche Stimmung erkennen, die zu diesem Zeitpunkt unter den Festivalbesuchern noch geherrscht hat: Zwar regnete es schon recht stark und auch der Wind war nicht sehr angenehm, aber das alles konnte nicht vertrüben, dass MUSE bald spielen sollten:
(direkt zum YouTube-Video)
Etwa an dieser Stelle – also in Nähe des bzw. unter dem Getränkestand – standen wir ebenfalls. Dort wurden wir zwar nass, waren aber glücklich, dass wir nicht nur aus den Wolken mit Flüssigkeit versorgt wurden. Unvermittelt drangen jedoch ein Gerücht zu uns, dessen Bestätigung für mich eine Katastrophe gewesen wäre, da es vor allem eins bedeutet hätten: Kein MUSE. Das Gerücht war: Das Festivalgelände wird evakuiert.
Eine Minute später wurde die Katastrophe wahr. Seltsam an der Sache: Es gab keine offizielle Durchsage, man war ausschließlich auf Sätze wie „Der Ordner da drüben hat gesagt, wir sollen alle runter“ angewiesen. Aber da offensichtlich war, dass wirklich alle den Eichenring verließen, musste es sich dabei einfach um die Wahrheit halten.
Schweren Herzens und nassen Schuhs machten wir uns also auf Richtung Ausgang, der nun – oh Wunder – von jeglichen Eingangsbeschränkungen befreit war und einen ungehinderten Fluss nach draußen garantierte.
Im folgenden Video sieht man – zumindest, während die Blitze aufzucken – die Situation vom Ausgang Richtung blaue Bühne:
(direkt zum YouTube-Video)
Die Fassungslosigkeit über die Absage des MUSE-Konzerts wich aber dank der Kommentare meiner Mitfahrer auf dem Rückweg zu den Zelten glücklicherweise gepflegtem Sarkasmus. Mir blieb ja auch nichts anderes übrig, wegen eines Wutanfalls würden MUSE auch nicht spielen.
Am Eingang zum Campingplatz erreichte uns aber die nächste Hiobsbotschaft: Campingplatz wegen Überflutung geschlossen. Na super. Man konnte also davon ausgehen, dass auch die Zelte unter Wasser standen, selbstverständlich inklusive elektronischer Gerätschaften und – noch viel schlimmer – meiner Gitarre. Überprüfen ließ sich das aus genanntem Grund aber nicht, was die Sache nicht besser machte.
Unterschlupf konnte man unterdessen in den Sanitäranlagen finden, was aber aufgrund maßloser Überfüllung nicht so angenehm war. Ich fand Unterschlupf unter einer weggewehten Pavillonplane, außer mir kamen auch noch vier, fünf andere Menschen auf die Idee und wir hatten einen schönen Abend, während außerhalb der Plane die Welt unterging.
Wo die anderen aus meiner Gruppe waren, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, auf der Suche nach einem trockenen Unterstand hatte ich sie verloren, was aber nicht weiter störte, denn ich war ja auch so in netter Gesellschaft.
Gegen 1 Uhr früh ließ der Regen nach und die Campingplätze wurden wieder freigegeben, um wenigstens ein paar Utensilien aus den Zelten zu holen. Die Zelte selbst waren größtenteils unbewohnbar geworden, was einige dazu animierte, einfach ihre Luftmatratze zu nehmen und mitten auf einer der riesigen Pfützen, die eigentlich schon kleine Seen waren, zu schlafen.
So watete und schwamm ich also vorbei am Bild der Zerstörung, wunderte mich über die teils unmöglichen Verformungen von Pavillon- und Zeltgestänge und freute mich über die Gelassenheit (obwohl es wahrscheinlich eher Resignation war) der anderen Festivalgänger.
Ich hatte – zumal in dieser Dunkelheit – einige Mühe, unsere Zelte wiederzufinden, da einfach alles fremd aussah und keiner der großen Fahnenmasten, an denen man sich das Wochenende über orientieren konnte, mehr stand.
Nach einigem Suchen fand ich mich dann aber doch zurecht und war beim Anblick des Camps erfreut und erschüttert zugleich: Dadurch, dass wir auf einer kleinen Anhöhe campten, stand das Wasser nicht ganz so hoch wie um uns herum, aber der Wind hatte die Zelte dennoch übel zugerichtet. Alle Zelte? Nein – ein kleines, unbeugsames Zelt … äh … also, jedenfalls stand das Zelt, in dem Anne und ich übernachtet hatten, noch. Es gab also noch Hoffnung für meine Gitarre.
Ich kletterte hinein – und siehe da: Anne war schon da; wie sich bald darauf herausstellen sollte, der Rest auch – und alle in ihren Zelten. Ich frage mich zwar, welchen Vorteil die anderen beiden Zelte gegenüber der freien Luft hatten und wie man in diese Zelte überhaupt noch mit jeweils zwei Personen passen konnte, so zusammengefallen waren sie, aber das war ja – egoistisch, wie ich bin – nicht mein Problem. Die anderen jammerten zwar die ganze Nacht rum, dass es sooo nass wäre und ob wir denn nicht noch einen kleinen trockenen Platz in unserem Zelt hätten, aber das war wirklich nicht der Fall, denn auch, wenn das Zelt noch stand: Wirklich dicht hatte es die Regenattacken nicht überstanden und so konnte man zumindest die Ränder und die Zeltdecke nicht mehr berühren, ohne nass zu werden. Die Mitte des Zelts war aber eigentlich schon so mit allerlei Konserven, Klamotten und natürlich der Gitarre zugekleistert, nun mussten auch noch Anne und ich uns irgendwie in diese wenigen trockenen Stellen quetschen – Platz für noch mehr Menschen war da beileibe nicht.
Und somit löst sich auch die Kryptik aus Teil 1 dieser kleinen Geschichte auf, in der ich davon schrieb, dass es wirklich ein Glücksfall für mich war, den Schlafplatz im Zelt von Anne zugeteilt bekommen zu haben; verglichen mit den anderen Zelten war ich wirklich gut weggekommen.
Da aber an Schlafen in dieser Nacht, unter diesen Umständen und unter diesem Gejammer aus den anderen Zelten nicht zu denken war, entschlossen wir uns schon vor Sonnenaufgang dazu, zu packen. Da sowieso alles nass war, musste man sich nicht um eine besondere Ordnung oder dergleichen kümmern und etwas Gutes hatten die völlig zerstörten zwei Zelte auch: Weniger Last auf dem Rückweg, denn eine Mitnahme besagter wäre einfach nur sinnlos gewesen.
Wie es am nächsten Morgen aussah, verdeutlichen wohl am besten die folgenden Bilder:
(direkt zum YouTube-Video)
So machten wir uns in abenteuerlicher Mode – Gummistiefel, kurze Hose, Regenjacke – durch die Trümmer der Nacht davon. Was mich schon am Abend zuvor belustigte, fiel mir nun wieder auf: Sämtliche Bauern aus der Umgebung waren mit ihren Treckern gekommen, um die im Morast steckenden Autos zu befreien. Diese Hilfestellung ließen sie sich selbstverständlich gut entlohnen: Während am Abend noch zwischen 10 und 20 Euro für eine Rettungsaktion genommen wurden, musste man nun schon 50 oder mehr zahlen. Die Nachfrage kam von allen Seiten, deshalb konnten die Bauern den Preis fast frei wählen, denn es gab in jedem Fall jemanden, der schnell weg musste und dem es auf den 50er mehr oder weniger nun auch nicht mehr ankam.
Zum Glück brauchten wir dieses Feilschen nur von außen zu beobachten, denn unseren Zug, der um kurz vor 7 Uhr fahren sollte, brauchte niemand aus dem Schlamm ziehen.
An die Rückfahrt über Bremen habe ich nicht mehr allzu viele Erinnerungen, was wohl daran liegt, dass ich – wie auch die anderen – sofort auf den nach der zurückliegenden Nacht extrem gemütlichen Bahnsitzen einschlief.
In Bremen am Bahnsteig, wo wir längere Zeit auf den Anschlusszug warten mussten, fielen uns jedoch die Schaffner auf. Sie und die anderen Bahnbediensteten waren zwar ohne Ausnahme freundlich, aber anscheinend haben sie alle ein angeborenes äußerliches Merkmale: zumindest alle älteren (männlichen) Angestellten dort hatten einen Schnäuzer. Egal, in welchem Bahnhof, der dem Bremener nachfolgen sollte, egal, in welchem Zug, in den wir noch stiegen, alle mit Schnäuzer. Außerdem waren sie die meisten klein und schmächtig.
Abgesehen von einem, der war mindestens zwei Meter groß und hatte eine allen Gesetzen der Physik trotzende Figur. Denn sein Bauch hing so weit über seinen Gürtel nach vorne und unten weg – eigentlich hätte er umkippen müssen. Auch das Hemd, das er dazu anhatte, sah sehr widernatürlich verformt aus. Es war nämlich in keiner Weise so, dass es den Bauch zumindest ein wenig anhob, nein, es passte sich einfach dem Bauch an. Das sah sehr surreal aus, denn zudem bewegte sich dieser Mensch auch noch recht agil. Er war ein echter Augenfang, aber im negativen Sinne. Man hatte es echt schwer, in der Masse von Leuten, die ihn alle entgeistert anstarrten, in eine andere Richtung zu schauen.
Wie dem auch sei, jedenfalls kamen wir nach einigen Stunden Fahrt wieder am Krefelder Hauptbahnhof an. Mittlerweile waren wir sogar einigermaßen getrocknet, einzig unsere seltsam anmutende Kleidung zeugte noch davon, dass die zurückliegende Nacht keine normale gewesen war. Das hatten auch unsere zuhause gebliebenen Verwandten festgestellt. Selbst in den Hauptnachrichten war nämlich mit Verweis auf das Festival der zurückliegende Sturm erwähnt worden, was verständlicherweise nicht eben zu Beruhigung beim sensibleren Teil der Gemüter geführt hatte.
Zwar um einiges Gepäck erleichtert, aber wohlbehalten ging dieses in jedem Fall einzigartige, aber – ganz ehrlich und ausnahmsweise mal nicht ironisch gemeint – durch und durch wunderbare Wochenende zu Ende.
Meine Favoriten waren – um das nach der ganzen Textwüste mal zu präzisieren – übrigens Adam Green, Element of crime und natürlich der Sturm.
Und was das Ganze jetzt mit den im Titel erwähnten Schmetterlingen zu tun hat, weiß ich auch nicht, aber dieses wundervolle Lied von MUSE musste einfach mal zitiert werden, zumindest die anderen 50% des Liednamens passen ja.
Über diesen Eintrag
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- Autor:
- Patrick
- Veröffentlicht:
- 15.06.2008 / 15:05 Uhr
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- Tags:
-
Hitze, Hurricane-Festival, Judith Holofernes, MUSE, Regen, Scheeßel, Sonne, Sturm, Wir sind Helden
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