O litteratura, o mores!
Vorab: Das Folgende steht – da ich nun wirklich kein Schriftsetzer bin – unter Vorbehalt. Im Zweifel bitte die Metaebene als entscheidend ansehen. Danke.
Gerundete, häufig dazu noch gefettete, serifenlose Schriften hatten in den 1970er-, 1980er- sowie den frühen 1990er-Jahren ihre Blütezeit: So fanden sie Verwendung auf den „Atomkraft?-Nein-Danke“-Aufklebern oder im Logo der Grünen. Mutmaßlich in Zusammenhang mit dem massenhaften Einzug von Computern in Privathaushalte aber verschwanden die alten „Runden“: Die Comic Sans war gekommen, um den Menschen den Wechsel in 21. Jahrhundert ein wenig zu vermiesen.
Ende der 90er nämlich und bei den ganz beratungsresistenten auch noch zu Beginn des neuen Jahrhunderts war auf privat erstellten Textdokumenten selten eine andere Schrift zu sehen. Vielleicht noch Arial. Diese beiden von Microsoft 1994 (Comic Sans) bzw. 1989/90 (Arial) entwickelten Schriften haben den besonderen Reiz, dass sie professionelle Typografen aufgrund ihres unausgewogenen Schriftbilds und ihrer inflationären Verbreitung gut zur Weißglut treiben können. Mehr kann man ihnen aber wahrlich nicht abgewinnen.
Die alten gerundeten Serifenlosen aber waren kaum noch auszumachen; sie hatten – warum auch immer – einen faden, nostalgischen Geschmack, waren quasi die Visualisierung der Prä-PC-Zeit. Wo sie noch zu sehen waren, versprühten sie den Glanz verfallender Jugendheime. Ihnen lastete trotz ihres lustigen Aussehens – vielleicht auch wegen ihrer Dicke – eine Schwere an, die sich – so dachte man – kaum an die coole neue Welt anpassen ließ.
Nachdem aber auch dem letzten Piczo-Seiten-Besitzer klargeworden war, dass Comic Sans wirklich – also wirklich wirklich – überansprucht worden war, musste wieder etwas neues her. Und so feiern die alten „Runden“ seit etwa drei Jahren eine Wiederauferstehung, die sich zwar wohl nicht vorhersagen ließ, aber durchaus logisch erscheint: Viele neuere Websites verwenden die gerundete Version etablierter Schriften in ihren Logos, nun allerdings garniert von schönen hellen Farben und modernen Grafiken, die mühelos den Staub von den eigentlich längst ausgedienten Schriften pusten können.
Als Schriftart wurde die fette Variante der Arial Rounded genommen und gleich sieht das Logo viel freundlicher, spielerischer, jünger aus.
Zwar gibt es hier einige Effekte um die Textmarke herum, aber eine etwas zusammengerückte fette Version von Helvetica Rounded ist immer noch deutlich zu erkennen.
Weder mit der Comic Sans (Übersättigung des Marktes) noch mit einer „normalen“, also nicht abgerundeten Version der jeweiligen Schriftart, die Härte und staatstragende Seriosität vermitteln, würden diese Logos funktionieren.
Was lernen wir daraus? Die Schrift selbst ist gar nicht so verantwortlich für ihren Ruf; vielmehr reicht es in vielen Fällen, sie in ein neues, modernes Umfeld zu bringen, um sie in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Also: Wer setzt sich daran, die Fraktur der Gothic-, Skinhead- und Gangstarapper-Szene zu entreißen und sie in eine Umgebung zu setzen, die sie wieder konsensfähig wie zu Kants Zeiten machen könnte?
Kleines Spässken.
Über diesen Eintrag
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- Autor:
- Patrick
- Veröffentlicht:
- 28.06.2008 / 03:59 Uhr
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- Tags:
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Arial, Atomkraft? Nein Danke, Bündnis 90/ Die Grünen, Comic Sans, Fraktur, Helvetica, Microsoft, MySpace, Piczo, Sans Serif, Schrift, Schriftart, Skype
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