Wenn Forscher träumen
Eine Studie Züricher Wissenschaftler hat ergeben, dass 40 % aller Webnutzer veraltete Browserversionen benutzen. Um das herauszufinden, hätte auch ein kurzer Blick in diverse meiner Seitenstatistiken bzw. die des Chefs (na gut, der hats teilweise besser) genügt, dazu muss man nicht anderthalb Jahre lang die Google-Daten auswerten.
Die Konsequenz aber, die die Forscher aus diesen „neuen“ Erkenntnissen ziehen, ist den ein oder anderen Gedanken wert. Sie schreiben:
Based upon our findings, we strongly recommend that software vendors embrace auto-update mechanisms within their products that are capable of identifying the availability of new patches and installing security updates as quickly and efficiently as possible – ideally enabled by default and causing minimal disruption to the user.
Eine Art „Haltbarkeitsdatum“ für Browser also, wie es heute schon einige Browserhersteller handhaben.
Welch ein Albtraum wäre das für jene Menschen bzw. ihre Programme, die – um es mal vorsichtig auszudrücken – ihre Zeit mit der schadhaften Infiltrierung von Computern über die Schnittstelle „veralteter, unsicherer Browser“ vertreiben?
Und welch ein Segen wäre es für diejenigen, die tagein, tagaus so etwas wie CSS in passende Dateien schreiben und dabei immer auf die korrekte Darstellung ihrer Bemühungen auf der Nutzerseite vertrauen könnten?
Einzig: Was diesem digitalen Paradies im Weg steht, ist wie immer der böse, böse Nutzer. Die Züricher Forscher sehen hier verschiedene Nutzergruppen:
We believe that, in the majority of cases, the absence of critical or important updates to the Web browsers can be attributed to three important factors; technological (can’t do), motivational (don’t care), or informational (don’t know).
Das ist soweit richtig: Es gibt natürlich noch immer Menschen, die nicht mit DSL die Weiten des Netzes betreten, auch wenn sie seltener werden. Auch Nutzer, die keine Flatrate haben, sind immer noch in nicht zu unterschätzender Anzahl vorhanden. Diese Menschen entscheiden sich vielfach bewusst, wenn auch indirekt, für eine ältere, bereits installierte Version eines Browsers, weil das Aktualisieren entweder aufgrund der quälend trägen Datenleitung zu lange dauern würde oder weil sie die für sie endliche Ressource Internet lieber anderweitig nutzen als mit dem Herunterladen neuester Browser-Versionen. Meist sind es auch genau jene Menschen, die nur selten ins Internet gehen und mit den dahinterstehenden Techniken wenig bis gar nicht vertraut sind – wofür ihnen selbstverständlich kein Vorwurf gemacht werden darf.
Hier aber stockt die Logik der Untersuchung: Wie nämlich will man genau jenen, denen es durch welche Einschränkungen auch immer gar nicht möglich ist, in Sachen Browser immer auf dem neuesten Stand zu sein, eine solche quasi-automatisierte Aktualisierung unterjubeln? Hierauf gibt die Studie leider keine Antwort, wodurch ihr Fazit zwar nicht uninteressanter, aber realitätsferner wird – zu realitätsfern, um sich als praktikabel zu erweisen.
So wird es also wohl bei der altbekannten Aufteilung bleiben – auch eine Art von digitaler Spaltung, wenn auch in geringerem Ausmaß. Doch selbst hier gilt schon: Der aufgeklärte Mensch kann soviel an die Macht des eigenen Verstandes appellieren; argumentieren, dass sich der Benutzer eines unsicheren Browsers der ständigen Gefahr eines Schadens für seinen Computer aussetzt – aber wie so häufig schaltet sich der Verstand in dem Moment aus, in dem der Aspekt der Bequemlichkeit und der Angst vor dem Neuen den Menschen erfasst. Rational erklärlich ist das wohl weniger, aber die Gewohnheitskomponente darf eben nicht außer Acht gelassen werden. Ganz abgesehen von der preislichen.
(Ich möchte mich übrigens selbst dafür loben, dass ich es geschafft habe, diesen Artikel zu schreiben, ohne ein einziges Mal die Worte „Internet Explorer“ … ach Mist)
Über diesen Eintrag
Du liest grade „Wenn Forscher träumen“ im MainPlog
- Autor:
- Patrick
- Veröffentlicht:
- 5.07.2008 / 23:16 Uhr
- Kommentare:
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- Tags:
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Browser, Digitale Spaltung, ETH Zürich, Google, Gunter Ollmann, IBM, Martin May, Stefan Frei, Studie, Thomas Dübendorfer
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