Zu klischeehaft um wahr zu sein (2)
photo credit: banger1977
In einem Vierer sitzt alleine ein Mann mit einer sehr dicken Brille. So eine Brille war mal im Mickey-Maus-Magazin als Karnevals-Kostüm. Außerdem ist er Tic-Tac-süchtig.
Weiter hinten sitzt ein dunkelhäutiger Mann. Eine hellhäutige Frau sitzt so weit es geht von ihm abgewendet gegenüber und steht auf um auszusteigen. Ebenfalls so weit es geht entfernt von dem Mann stellt sie sich hin. Ich mein, der Mann sieht aber auch böse aus. Man beachte nur die Hautfarbe! Nachdem er aber nach der Uhrzeit gefragt hat, war das aber plötzlich alles kein Thema mehr und die zwei unterhielten sich die letzte Minute, bevor die Bahn anhielt, noch erstaunlich angeregt.
Der Mann mit der schönen Mickey-Maus-Magazin-Brille – ich war mir mittlerweile sicher, dass er sie daher hat – war in seiner Zeitschrift vertieft: „Zeit für Japan“.
Im Hintergrund steht das obligatorische Fahrrad und rechts daneben sitzen zwei Frauen, die immer wieder beim Tuscheln zu uns rüber gucken und bestimmt was über die Jugend von heute erzählen. Bei diesem Gespräch hätte ich am liebsten sofort mitgemacht, wenn ich mir angeguckt habe, was eine Reihe vor den zwei Frauen passierte. Paris Hilton 2 2000 sucht verzweifelt ein Lied auf ihrem I-Pod und als ihr dieses Kunststück gelungen ist, spielt sie an ihren Ohrringen – ach, was sag ich: Ohrhullahuppreifen – rum. Dies wird sehr angewidert von der ungefähr gleichaltrigen Sitznachbarin beobachtet. Gleichaltrig heißt in diesem Falle: maximal 20, also bestes Alter um die BILD zu lesen. Die Jugend von heute!
An der nächsten Haltestelle stieg ein dunkelhäutiger Mann ein. Normalerweise ist die Hautfarbe nicht erwähnenswert, aber auch hier hat dies wie oben einen Grund.
Der Mann sprach nämlich genauso, wie es sich der geneigte vorurteilsbeladene Deutsche ausmalt. Wie Dizzee Rascal.
Nicht nur, dass er es durch die extreme Lautstärke seines Telefonats schaffte den ganzen Bus zu unterhalten, nein: mit seiner Lache könnte er locker 50 Cent Konkurrenz machen. Wir haben uns irgendwann auf eine Afrikanische Sprache mit ein paar Französischfetzen geeinigt. Nachdem ich diverse Beats, die wunderbar unter dieses Telefonat passten, verworfen hatte, stiegen an der nächsten Haltestelle neue Leute ein. Zwei Japanerinnen setzen sich gegenüber des Mannes mit der Japan-Zeitschrift und nachdem dann auch noch ein Japanischer Junge sich mit seinen Schriftzeichen-Hausaufgaben neben den Mann setzte, war für den nächsten Fahrgast kein anderer Platz mehr frei außer schräg gegenüber im gleichen Vierer wie unser Dizzee Rascal. „Leider“, sagte der Gesichtsausdruck. Das Gesicht des Mannes war sowieso interessant: So stell ich mir einen typischen Deutschen vor. Etwas korpulenter, um die 50 Jahre alt und einen schönen dicken Schnäuzer über der Lippe. Toll sowas.
„Wo sind wir jetzt?“
Jana riss mich aus meinen Tagträumen. Eine gute Frage war das, die irgendwie niemand so recht beantworten konnte. Als der typisch Deutsche seine dicke Kartoffelnase aus der Zeitschrift des Brillenträgers zog, wozwischen der Junge mit den Hausaufgaben und der Gang war, um sie sofort in den Schriftzeichen des kleinen Jungen zu versenken Als der typisch Deutsche aber seinen Blick grade vom Heft des Brillenträgers zu den Hausaufgaben des Jungen schweifen ließ, fuhren wir an der Tonhalle vorbei, wo ich schon mal war. Orientierung ist wieder da.
Kurz darauf kam hektisches Treiben auf, was für mich das Zeichen zum Ausstieg war – und tatsächlich stiegen dann an der nächsten Station unser Paris-Verschnitt, gefolgt vom immer noch lautstark telefonierenden Dizzee, gefolgt von meinen Mitschülern und mir, aus.
Das Stück „Don Karlos“ selbst war dann nicht halb so interessant wie die Hinfahrt, was man auch daran merkte, dass viele sich schon in der Pause wieder auf den Weg nach Hause gemacht haben. Theater halt. Das ist einfach nichts für die Jugend von heute.
Über diesen Eintrag
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- Autor:
- MainP
- Veröffentlicht:
- 13.12.2008 / 00:44 Uhr
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- Kategorien:
- Real Life
- Tags:
-
Bus, Don Karlos, Friedrich Schiller, Haus Meer, Krefeld, Rheinbahn, vrr
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