Willicher Wahlfrieden
Am Sonntag werden in Nordrhein-Westfalen „die Räte der kreisfreien Städte, die Bezirksvertretungen für die Stadtbezirke der kreisfreien Städte, die Kreistage und die Gemeinderäte der kreisangehörigen Städte und Gemeinden“ gewählt. Viel interessanter und prägnanter: Bei der kommenden Kommunalwahl steht in den meisten Städten der Bürgermeisterposten* zur Wahl.
Das ist zum Beispiel im kleinen niederrheinischen Städtchen Willich so. Seit 1999 regiert hier Josef Heyes von der CDU. 2004 wurde er mit 72,28 % im Amt bestätigt. Keine leichte Aufgabe für seinen SPD-Herausforderer Alexander Oerschkes, sollte man meinen. Das wird sich wohl auch Alexander Oerschkes gedacht haben und zieht daraus die überraschende Konsequenz, auf jegliche Abgrenzung von seinem Konkurrenten zu verzichten. Gut erkennen kann man das an Interviews, die dieser Tage in den Regionalzeitungen Westdeutsche Zeitung und Rheinische Post, aber auch im Anzeigenblättchen Willicher Nachrichten erscheinen, teilweise als „Schlagabtausch“, also gegenseitiges An-den-Kopf-Werfen von Komplimenten, deklariert.
Oerschkes’ Schwierigkeiten in der Ausbildung eines eigenen Profils hängen hauptsächlich damit zusammen, dass es Willich nicht schlecht geht. Natürlich kann man sich als Einwohner einer Stadt immer über vieles ärgern, aber es ist – bei allem Respekt – einfach nicht zu erwarten, dass Alexander Oerschkes die Probleme der Stadt anders angehen würde als Josef Heyes.
Dazu kommt aber ein weiteres Problem: Er würde nicht nur in Zukunft alles genauso machen wie Heyes, er und seine Partei machen genau jetzt – nämlich im Wahlkampf – alles schlechter als Heyes und sein „Wahlkampfteam“.
Das sieht im Einzelnen so aus:
- Die Wahlplakate der SPD sind unfasslich konservativ und uninspiriert. Kein Wunder, dass der Willicher Kommunikationsdesign-Student Chris Grabinski sich angesichts der versammelten Langweiligkeit zu folgender Aussage hinreißen ließ: „25 inkompetente Alternativen […] So ein Rentnerverein“.

Die CDU kann mit ihren Plakaten bei mir zwar wahrlich auch keine Begeisterungsstürme auslösen, aber sie hat mit ihrer Fixierung auf einen „anpackenden“, „sich kümmernden“ Josef Heyes und einfache, klare Sprüche eine solide, professionelle Kampagne. Einzig das Ausrufezeichen hinter dem Wahlspruch „Gute Arbeit“ stößt mir wirklich auf. - Die CDU ist der SPD kreativ meilen- und jahreweit voraus. Ich kenne die genauen Umstände nicht, aber am Willicher Markt hat seit ein paar Wochen ein „Café Jupp“ geöffnet, das laut CDU Willich „das kommunikative Zentrum der CDU-Wahlkampagne“ ist und in dem z.B. am vergangenen Mittwoch der Bürgermeister (natürlich inklusive anschließender Presseberichte) seinen Geburtstag gefeiert hat.
Liebe Leute von der SPD, könnt ihr einen Ort vorweisen, an dem ihr den Bürgern in entspannter Atmosphäre eure Themen nahebringt? Sicher, so etwas wird nicht billig sein und die direkten Auswirkungen dürften sich auch in Grenzen halten, weil in so ein Café wohl hauptsächlich die Menschen gehen, die eh nicht mehr überzeugt werden müssen. Aber man bringt sich ins Gespräch, man zeigt Bürgernähe, man gewinnt Sympathien durch Kreativität. Das sind einfache Sachen. Man muss kein Café eröffnen, um sie zu erreichen; man muss sich nur anstrengen. Etwas eigenes auf die Beine stellen, die Menschen erreichen, Präsenz zeigen. Mit anderen Worten: modernen Wahlkampf machen. - Bei der Kommunalwahl dürfen Jugendliche ab 16 Jahren wählen. Wo wirbt man am zielgerichtetesten um Jugendliche? Richtig. Schauen wir uns mal die Websites der beiden Bürgermeisterkandidaten an:

josef-heyes.de hat ein modernes, ansprechendes Design mit professionellen Bildern und prägnanten, durchdachten Texten. Auf der Startseite stehen seine neuesten Tweets, außerdem ist er bei Flickr, dem VZ-Netzwerk, Facebook und YouTube** (mal mehr, manchmal allerdings auch gar nicht) aktiv, zumindest aber angemeldet. Ich will nicht sagen, dass ein Account bei einem sozialen Netzwerk per se etwas Gutes ist und auch der Nutzen ist vielleicht in einer Stadt mit 40.868 Wahlberechtigten*** eher beschränkt, aber es ist ein Versuch, sich der Lebenswirklichkeit von netzaffinen Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts anzunähern.
Die Überschrift von alexander-oerschkes.de ist zwar „Bürgermeisterkandidat 2009“, aber die Seite sieht aus, als wäre sie per Zeitmaschine aus dem vorigen Jahrtausend eingeflogen worden. Die Überschrift zum Beispiel ist gar keine Überschrift, sondern (wie auch der gesamte übrige Inhalt) eine Tabellenzeile. Anstatt selbst kreativ zu werden (oder noch besser – wie die CDU – einen ortsansässigen Kommunikationsdesign–Studenten anzuheuern), hat man sich bei der Willicher SPD gedacht, dass im Jahr 2009 doch ein (obendrein zumindest in Safari und Firefox auch noch mit Darstellungsfehlern versehenes) Uralt-Template von der „Rundum-Sorglos-Plattform für Politik und Wahlkämpfe im Internet“ der SPD, nrwspd.net, reichen sollte, um im Web Wahlkampf zu machen. Bemüht „lustige“, dadurch aber nur unseriös und lächerlich wirkende Texte ohne Sprachgefühl sowie Amateurbilder, die den Kandidaten nun wirklich in einem schlechten Licht dastehen lassen, runden das Gegenbild eines modernen Wahlkampfes gekonnt ab.
Oerschkes will die Bürgermeisterwahl gewinnen, doch selbst ein Blumentopf ist für ihn – bei der völligen Überlegenheit Heyes’ in allen Belangen – schon eine unlösbare Aufgabe. Das kann zwei Sachen bedeuten, die sich Ei–und–Henne–gleich einander bedingen und beeinflussen:
- Die SPD erachtet es in Anerkennung der politischen Realität in Willich überhaupt nicht als sinnvoll, einen Heyes gleichwertigen Gegner aufzustellen und einen Wahlkampf zu fahren, der begeistert
- Der Wahlkampf der SPD ist so altbacken, dass überhaupt keine Chance besteht, politische Bedeutung zu erlangen, die über eine saturierte Oppositionsführerschaft hinausgeht
Das ist schade und ich würde mich nicht wundern, wenn 72,28 % am Sonntag die längste Zeit eine hohe Zahl gewesen ist. Warum, liebe SPDler, überlasst ihr das Feld so unglaublich kampflos der CDU? Ich habe das Gefühl, ihr habt die einzelnen Wortbestandteile von „Wahlkampf“ noch nicht aufgedröselt und glaubt, es hieße „Wahlfrieden“. Kann das sein?****
Noch schnell ein Wort zu den kleineren Parteien:
- Noch altbackener als die Plakate und Broschüren der SPD sind nur die der FDP. Die Liberalen haben für die Wahlplakate ihrer Landratskandidatin tatsächlich ein Bild genommen, das aussieht, als wäre es mal eben mit der 90-Euro-Kamera vom Lidl im heimischen Wohnzimmer aufgenommen worden. Man sieht sogar den Schatten des Kopfes auf der Rauhfasertapete. Gruselig.
- Die Grünen setzen nicht auf Personen, sondern auf Themen – und das durchaus geschickt. Am Schwimmbad zum Beispiel, das in dieser Saison sein Freibad neu eröffnet und bei der Gelegenheit gleich mal die Preise beinahe verdoppelt hat, hängt folgendes Plakat:

Von den anderen Parteien vernachlässigte Themen, mit aktuellem und örtlichem Bezug: Chapeau. - Die Linke hat anscheinend den Sinn einer Kommunalwahl nicht so ganz verstanden und plakatiert mit Sprüchen von bundes- oder gar weltpolitischer Bedeutung – wie üblich in wenig ansprechender, rot–weiß–gelber Haudrauf–Gestaltung
- In Schiefbahn hängt ein Plakat der NPD
* Nur echt mit Betonung auf der dritten Silbe und weichem „g“.
** Beim YouTube-Profil zum CDU-Wahlkampf ist zwar noch kein einziges Video hochgeladen worden, aber immerhin hat das „TeamJupp“ schon einen Favoriten, nämlich ein Filmchen vom Besuch Jürgen Rüttgers in Willich, gedreht von der NRW-CDU:
(direkt zum YouTube-Video)
Sehr interessant dabei, wie offensichtlich das nur eines von vielen Fließband-Filmchen ist, was der aufmerksame Zuhörer allein daran erkennen kann, dass der Sprecher offenbar noch nie etwas von Wekeln gehört hat und bei 1:25 einfach mal ganz selbstsicher vom „Ortsteil Wekelen“ spricht. Gut, es ist nur ein einziger kleiner Vokal, aber er ist trotzdem ein deutliches Indiz dafür, dass mit der Produktion dieses Films kein Mensch beschäftigt war, der in Wekeln überhaupt (zumindest geistig) dabei war.
*** Zahl aus den heutigen Willicher Nachrichten.
**** Nicht, dass ich etwas gegen Frieden hätte. Aber ich kann doch auch nichts dafür, dass sich jemand den Begriff „Wahlkampf“ ausgedacht hat.
Über diesen Eintrag
Du liest grade „Willicher Wahlfrieden“ im MainPlog
- Autor:
- Patrick
- Veröffentlicht:
- 26.08.2009 / 00:23 Uhr
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- Tags:
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Alexander Oerschkes, Bündnis 90/ Die Grünen, CDU, Die Linke, FDP, Josef Heyes, Kommunalwahl, SPD, Wahlkampf, Willich
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