Das kleine Gute (und Schlechte) an Snow Leopard

Seit dem 28. August ist Snow Leopard auf dem Markt und es gibt kaum ein Thema, über das ich seitdem (aber auch schon in den Wochen davor) mehr gelesen habe. Der schnellere Finder, das schnellere Runterfahren, der Regler zur Größenveränderung der Vorschaubildchen im Finder, … ich hätte beinahe schon einen VHS–Kurs „Snow Leopard für Fortgeschrittene“ anbieten können, ohne je eine Minute mit Apples neuem Betriebssystem verbracht zu haben. Vor zehn Tagen habe ich dann aber endlich selbst dem Leoparden ein weißes Fell übergezogen – und mittlerweile kann ich sagen: was ich gelesen hatte, stimmt soweit, allerdings bestätigt sich die alte Weisheit (ich behaupte einfach mal, dass es eine Weisheit und die noch dazu alt ist), dass die wahrhaft bedeutenden Änderungen in den offiziellen Verlautbarungen stets unter „sonstige Detailverbesserungen“ zusammengefasst werden.
Jedenfalls sind mir in diesen zehn Tagen so einige Dinge aufgefallen, die ich vorher noch nirgendwo gelesen hatte – und das ist auch schon der Grund, warum ich sie aufschreiben möchte:

Eine der vielen kleinen Spielereien in OS X ist seit 10.5 das 3D–Dock, dessen Symbole sich wahlweise (und voreingestellt) wie ein Magnet in Richtung des Mauszeigers bewegen. Außerdem neu seit Leopard war die sogenannte Gridansicht, mit der man beliebige Ordner direkt im Dock öffnen kann. Ihr merkt schon: Ich tu mich schwer mit einer Beschreibung, deshalb ein kleines Bild:
dock

Hier habe ich zum Beispiel einen Ordner ins Dock geschoben, in dem Verweise zu einigen meiner häufiger genutzten Programme liegen. Funktioniert also so ähnlich wie das Startmenü in Windows. Wenn ich diese Gridansicht öffnete und dann zum Beispiel auf „Systemeinstellungen“ klicken wollte, war das in Leopard gar nicht so leicht, denn durch den Magneteffekt des Docks bewegte sich auch die Gridansicht, wenn ich die Maus (bzw. die Finger auf dem Trackpad) bewegte – zumindest so lange, bis sich der Mauszeiger oberhalb der Symbole im Dock befand, denn dann hörte der Magneteffekt auf und die Gridansicht „ploppte“ um ein ganzes Stück eine andere Richtung – und zwar grundsätzlich so, wie ich es nicht erwartet hatte, sodass ich mit meinen vorausschauenden Planungen („Okay, wenn ich jetzt so tue, als ob ich den QuickTime–Player öffnen wollte, obwohl ich die Systemeinstellungen öffnen will, dann müsste sich der Mauszeiger ungefähr da befinden, wo das Systemeinstellungen–Bild sein wird, wenn der Magneteffekt aufhört.“) grundsätzlich falsch lag.
Offensichtlich war ich nicht der einzige, den dieser Teil am Magnetismus gestört hat, denn seit 10.6 ist die Gridansicht unempfindlich für den Dock–Magnetismus und bleibt schön an einer Stelle. Ja, das ist nur eine Kleinigkeit und ja, das hätte eigentlich selbstverständlich sein müssen, aber ich freu mich trotzdem jeden Tag aufs Neue, wenn ich die Systemeinstellungen auch wirklich direkt so anwählen kann. Die anderen – groß angepriesenen – Neuerungen der Gridansicht (ein Klick auf einen Unterordner öffnet nicht den Finder, sondern zeigt den Ordner direkt im Grid an; wenn in einem Grid zu viele Elemente für die Größe des Bildschirms sind, kann man einfach nach unten scrollen. Bisher wurden die Elemente, die nicht mehr passten, einfach nicht angezeigt) benutze ich dagegen so gut wie gar nicht.

Nächste Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit: Der Flash–Player ist augenscheinlich besser ins System integriert. Bisher war das Zusammenspiel von Browser und Flash–Player ziemlicher Quark. So war, wenn man ein Flash–Video in Vollbild gesehen hatte und danach wieder zur normalen, eingebetteten Version zurückkehrte, das Browserfenster, in dem das Flash–Video abgespielt wurde, irgendwie inaktiv, obwohl es als aktiv angezeigt wurde. Ich musste also stets noch einmal ins Browserfenster klicken, bevor ich beispielsweise das Tab schließen konnte. Das war jedoch noch harmlos; ohne den zweiten Klick passierte ja einfach nichts. Benutzte ich dagegen die Tastenkombination zum Tabschließen, Cmd+W, fragten mich die Browser – sofern ich mehrere Tabs geöffnet hatte – ob ich wirklich alle 173 Tabs schließen wollte. Ich hab keine Ahnung, warum das so war, jedenfalls ist es seit Snow Leopard weg, man kann die Browser ohne Zusatzklicks direkt nach Flash–Vollbild wieder bedienen. Einzig der Druck auf die Zurück–Taste hat (noch) keine Wirkung. Wo sie im „normalen“ Browserbetrieb dafür sorgt, dass man zu der Seite geleitet wird, von der man kommt, bleibt sie im Kurz–nach–Flash–Vollbild–Modus wirkungslos; ein zusätzlicher Klick muss wieder her. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, so lange freue ich mich erst einmal über den jetzigen Schritt – auch wenn ich mich immer noch dabei ertappe, wie ich vor weiteren Interaktionen mit dem Browser
noch einen kleinen, verschämten Klick tätige.

Noch eine Pawlow’sch antrainierte Gewohnheit, die ich mir nicht innerhalb von 10 Tagen austreiben konnte: Der unglaublich praktische Rechner in der Spotlight–Suche erkennt Punkte nicht mehr als Dezimaltrenner an. Was heißt das? Spotlight, die Mac–Suchfunktion versteht einfache (aber auch ein paar schwierigere) Rechenaufgaben und gibt unmittelbar die Antwort bekannt. Sieht dann ungefähr so aus:
spotlight

Natürlich kommt es nun auch manchmal vor, dass ich nicht 1+1 errechnen lassen will, sondern, 2,5+2,5. Bisher musste ich dafür „2.5+2.5“ eingeben. Seit Snow Leopard dagegen verlangt der Rechner ein Komma als Dezimaltrennzeichen. Immerhin, so weiß auch der Vorsitzende der Partei, deren Mitglieder früher mit Plemo gespielt haben: Es ist Deutschland hier.
Ich habe dann nachher erfahren, dass man das auch in den Systemeinstellungen (unter „Sprache & Text“ => „Formate“ => „Zahlen“ übrigens, falls jemand danach suchen sollte) ändern kann, aber das wusste ich zu Punkt–Zeiten, also unter Leopard, noch nicht – und jetzt will ich es nicht mehr zurück zum Punkt ändern, weil das Komma ja einfach richtig ist. So gebe ich also jedes Mal munter einen Punkt als Dezimaltrennzeichen ein, wundere mich, warum „keine Treffer gefunden“ werden konnten, bemerke meinen Fehler und denke, dass ich das aber nun beim nächsten Mal wirklich kapiert haben und dran denken werde, was natürlich völlig utopisch ist. So wird das geschätzt zwei Jahre weitergehen. Ich kenn mich ja.

Apple hatte die verschnellerte Verbindung mit drahtlosen Netzwerken ja vielfach herausgestellt. Die angeblichen 55 Prozent Geschwindigkeitszuwachs konnte ich bisher nicht feststellen; schon vorher war ich immer direkt mit dem Router verbunden, da war eigentlich gar keine Steigerung mehr möglich. Es hat sich trotzdem etwas verändert: die kleinen „Funkwellen“ in der Menüleiste (airport) blinken manchmal ganz seltsam, wenn man sich neu mit einem Netzwerk verbindet. Das sieht dann ein wenig aus, als würde durchgezählt ob noch alle da sind, weil von unten nach oben jede der vier Wellen einmal aufblinkt. Meist sind sie sich nicht sicher, ob sie richtig gezählt haben, dann wird auch noch ein zweites, drittes, viertes Mal durchgeblinkt. Die genaue Funktion dieser Hektik am oberen Bildschirmrand habe ich noch verstanden, aber es ist sicher total irrsinnig absolut unerlässlich, warum sollte Apple mich sonst so ablenken und verwirren? Also bitte.

Eine weitere große Neuerung in Snow Leopard: der völlig neue QuickTime–Player. Neben einer grundlegend neuen Benutzeroberfläche ist vor allem die Fähigkeit, Bildschirmaufnahmen anzufertigen, auffällig. Was Apple jedoch sorgsam verschwiegen hat: diese Bildschirmaufnahmen lassen sich kaum benutzen; die Farben werden erheblich verfälscht aufgenommen. Wie erheblich? So erheblich:
originalfarbebildschirmaufnahme
Links ist das Original, rechts das, was die QuickTime–Player–Bildschirmaufnahme daraus macht. Für die Farbgeeks unter euch zum eigenen Vergleich: es sollte eigentlich #B43426 sein. Für eine professionelle Bildschirmaufnahme muss man also weiterhin auch auf ein darauf spezialisiertes Programm zugreifen. Schade.

Herbe enttäuscht hat mich auch die systemweite automatische Rechtschreibkorrektur. Erstens: Nix systemweit, nur in einigen wenigen Programmen funktioniert das, zum Beispiel im Textverarbeitungsprogramm TextEdit. Zweitens: Ich habe bisher kein Programm oder ein Untermenü in den Systemeinstellungen gefunden, in dem ich selbst einstellen kann, was korrigiert werden soll. So kann ich das „Auslassungshäkchen“ zum Beispiel überhaupt nicht ausstehen. Der Duden schreibt die Verwendung nicht vor – aber Apples Rechtschreibkorrektur kennt nur einen wahren Weg und lässt sich auch nicht vom Gegenteil überzeugen. Was passiert, wenn ich „Wie gehts, wie stehts?“ in TextEdit eingebe? Das Programm erkennt „gehts“ und „stehts“ nicht und macht folgendes daraus: „Wie geht’s, wie stehst?“ – auch noch nach dem zehnten Mal.
In anderen Fällen ist es lernfähiger: Wenn ich einen Text verfasse, in dem sowohl englische als auch deutsche Sätze vorkommen, korrigiert TextEdit eine der beiden Sprachen konsequent in etwas um, was es für die jeweils andere Sprache hält. Zumindest eine Zeit lang; irgendwann merkt es offenbar, dass das alles so gar nicht passt und hält sich ganz raus aus Sprachangelegenheiten. Die zuvor „korrigierten“ Wörter bleiben allerdings in ihrer ganzen Pracht stehen.

Abschließend die allerallerwichtigste und allerallerschlimmste der „sonstigen Detailverbesserungen“: Apple hat nach gefühlten 100 Jahren das Gamma des Standard–Farbprofils von 1,8 auf 2,2 erhöht und sich damit dem Industriestandard angepasst. Das ist soweit bekannt und es ist ja auch logisch, dass dadurch alles etwas dunkler erscheint, woran man sich meist schon nach zwei, drei Tagen gewöhnt hat. Mit einer der dadurch hervorgerufenen Farbveränderungen kann ich mich jedoch partout nicht anfreunden:
menu

Der blaue Hintergrund des „gehoverten“ („überfahrenen“ hört sich so blutig an) Menüeintrags hat einen lila Stich bekommen. Ist das nicht furchtbar? Ich glaube, ich kann des Lebens nicht mehr froh werden.

Fazit: Die erheblichen Verbesserungen des Bestehenden erfreuen mich jeden Tag aufs Neue. Vieles läuft einfach flüssiger, runder und durchdachter und nimmt weniger Zeit in Anspruch. Die wenigen wirklichen Neuerungen (oder, wie unser aller Lieblingsfranzose Bertrand Serlet sie auf der WWDC 2008 nannte: „Noe niu fietsches“) dagegen können (noch) nicht überzeugen.


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