[Kein Titel]
Die meisten in meiner Twitter-Timeline haben gestern entweder geschwiegen, sich aus dem Thema herausgehalten, oder die Medienberichterstattung kritisch begleitet. Die einzigen, die sich daneben benommen haben, waren (mal wieder) die Vertreter der klassischen Medien: »OH, ES IST JA SO SCHRECKLICH! KLICKEN SIE HIER FÜR DIE 1000 SCHRECKLICHSTEN BILDER!!! http://bit.ly/ganzschrecklichebilder «.
Ich kann gut verstehen, dass ihr Twitter an einem solchen Tag schließt, aber nicht, weil ihr mit dem Tenor eurer Timeline unzufrieden seid. Offenbar folgt ihr den falschen Menschen. Menschen, die ein Mitteilungsbedürfnis haben, das ihr nicht akzeptieren könnt. Warum folgt ihr denen?
Huck Haas twittert: »Unglaublich wieviel Stuss hier einige zu den Ereignissen in Duisburg von sich geben.«. Ja, da haben einige viel Stuss von sich gegeben. Lesen muss das niemand. Ihr wisst doch vorher, wes Geistes Kind die von euch Verfolgten sind.
Lisa Rank bloggt: »Wem soll ich so sein ernsthaftes Entsetzen abnehmen? Wen darf ich dann nicht Heuchler nennen, wenn im ersten Moment geschrieben wird ›Oh wie schrecklich!‹ und im zweiten ›Oh ein Regen!‹?« Völlig richtig, das ist Heuchelei und es ist verdammenswert. Dennoch: ihr seid selbst dafür verantwortlich, wem ihr folgt oder nicht folgt und welchen Grad von Stuss ihr euch selbst antut. Ich lese doch auch nicht die BILD und beschwere mich anschließend über deren Heuchelei. Na ja, ich würde mich schon beschweren, aber deshalb lese ich sie ja auch nicht.
Lukas Heinser sekundiert Lisa in einem eigenen kurzen Blogeintrag – vorhersehbar angesichts der Art von Artikeln, die er in den vergangenen Monaten zu dem Thema verfasst hat. Vor knapp einem Jahr hat er deshalb sogar seinen letzten Tweet gebracht und sein Twitter-Konto mittlerweile komplett gelöscht. Vorhersehbar, aber nicht nachvollziehbar. Wie er vor zwei Wochen »in Sachen Facebook« ausführlich darstellte, achtet er doch »ziemlich genau darauf, wen [er] bei Facebook als ›Freund‹ hinzufüg[t]«.* Jeder und jedem sei die Freiheit gegönnt, sich aus einer Sache zurückzuziehen, die ihr und ihm keinen Spaß mehr macht und keinen Sinn mehr gibt. Nicht in Ordnung finde ich die grundsätzliche Verdammung einer Sache, weil man selbst an ihr gescheitert ist. Im Februar schon schrieb Lukas über ein anderes Thema: »es grenzt an ein Wunder, dass sich die ›#fail‹s bei Twitter bisher in Grenzen halten.« Auch damals kommentierte ich verwundert: »Klingt da ein wenig Frust durch, dass du nicht das vorgefunden hast, was du dir für ein stimmiges Gesamtbild gewünscht hättest?« und ergänzte später: »Wie man so hört, soll Twitter ja durchaus [heterogene] Ansätze haben.«
Bei Twitter sind halt auch nur Menschen zugange. Wenn ihr mit deren Gedanken nicht klar kommt, entfolgt sie, straft sie mit Ignoranz, geigt ihnen die Meinung, was auch immer. Aber schließt nicht auf die Schlechtigkeit und Grausamkeit der Welt, wenn ihr euch in den falschen Vierteln rumtreibt. Das ist der gleiche Instinkt, mit dem auch CDU-Politikerinnen und -Politiker am liebsten das Internet abschalten wollen würden, weil wegen Pornos und Gewalt und Gottlosigkeit.
Manchmal entstehen auf Twitter wunderbare Aphorismen und die will ich lesen. Also folge ich den Menschen, die ich verdächtige, solche schöngeistigen Ergüsse hervorbringen zu können. Ich folge nicht den Spammern, den Social-Media-Experten, jenen, die nur bei Twitter sind, um bestimmte Stichworte und Namen in die Trending Topics zu bringen und den kleingeistigen Alleskommentierern. Was ist daran so schwierig?
P.S.: Aus der Sache selbst halte ich mich, wie auch bei Twitter, mangels Kenntnis und Involvierung raus. Sascha Lobo hat dazu etwas geschrieben, das ich teile.
* Ich habe den entsprechenden Satz nach Lukas’ Hinweis in den Kommentaren umformuliert, weil zuvor ein in Anführungszeichen gesetzter Begriff als Zitat aufgefasst werden konnte. Das ist nicht der Fall. Da ich den Begriff selbst ziemlich ungeschickt fand, habe ich ihn nun komplett aus dem Satz entfernt. Tut mir leid, wenn es da zu Missverständnissen gekommen sein sollte.
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- Autor:
- Patrick
- Veröffentlicht:
- 25.07.2010 / 17:36 Uhr
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Twitter
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