<3 :* ILDÜA LYFEUE W2FI

Euch sind bei Facebook doch sicher mal diese nach unten offenen Kommentarspalten aufgefallen, in denen sich vornehmlich Schülerinnen ohne ersichtlichen Anlass nach recht trivialen Einträgen mit Zeichen und Formulierungen unendlicher Wertschätzung bedenken. Ich bin lange Zeit aus diesen ganzen Herzchen, Kussmündern und Liebesbekundungen nicht schlau geworden, denn im traditionellen Verständnis sind diese Codes engeren Beziehungen als Freundschaften vorbehaltenen und ich meine mich erinnern zu können, dass es das in dieser Form vor ein paar Jahren – also zu meiner Schulzeit – noch nicht gab. *
Ich glaube aber mittlerweile zu wissen, woran das liegt: Es gibt das soziolinguistische Phänomen, dass Wörter, die die Rolle oder das Ansehen einer Person in der Gesellschaft beschreiben, immer weiter nach unten »durchgereicht« werden. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich die Beschreibung einer weiblichen Person: Heute ist »Frau« ein völlig neutraler Begriff für eine weibliche, erwachsene Person. Im Mittelalter dagegen war dafür der Begriff »Weib« üblich, den wir heute eher negativ verstehen. Im Adjektiv »weiblich« zum Beispiel hat sich die neutrale Komponente bis heute erhalten. Eine »Frau« war in der mittelalterlichen Gesellschaft von höherem Stand, wohl nach heutigem Sprachverständnis mit einer »Dame« oder noch höher zu vergleichen. Wer weiß? Vielleicht ist in ein paar hundert Jahren ja die »Frau« negativ konnotiert und wir sprechen – wenn wir beleidigte Gesichter vermeiden wollen – weibliche Personen nur noch mit »Dame« an.
Jedenfalls meine ich zu beobachten, dass Facebook eine ähnliche Entwicklung angestoßen hat. Der zentrale Begriff ist der der »Freundschaft«. Vielfach gab es Kritik daran, dass Facebook jeden Kontakt als »Freund« identifiziert, unabhängig davon, ob es sich tatsächlich um die beste Freundin/den besten Freund handelt – oder um die Cousine der Nachbarin des ehemaligen Klassenkameraden … ihr wisst schon. Ich sehe darin nicht das große Problem, in der Praxis wissen die meisten sehr wohl zwischen Facebook- und »wahren Freunden« (nach traditionellem Verständnis) zu unterscheiden, wenn auch vielleicht nicht so explizit wie Sascha Lobo mit seiner Unterteilung in »Freunde« und »Friends«.
Trotz der impliziten Trennung zwischen Facebook- und »wahren Freunden« erfährt durch die Ausweitung des potenziellen Freundeskreises der Freundschaftsbegriff nach meiner Beobachtung dennoch eine qualitative Abwertung – und so müssen für die Beschreibung und Bekundung einer »wahren Freundschaft« eben höherwertige, vormals ausschließlich intimen Beziehungen vorbehaltene Codes herhalten. Spannend ist jetzt die Frage, ob der inflationäre Gebrauch solcher Liebesschwüre auf Freundschaftsebene zu einer Koexistenz – und damit zu einer kontextabhängigen Verwendung und auf lange Sicht vermutlich zu einer Entzweiung eines einzelnen Begriffs in zwei deutlich voneinander unterschiedene Teilbedeutungen – führen wird, oder ob sich tatsächlich Liebende neue Codes zur Liebesbekundung ausdenken werden. Das Weib-Frau-Dame-Beispiel legt nahe, dass eher neue Codes entwickelt werden, damit die Exklusivität der höherwertigen Ebene auch sprachlich erhalten werden kann.

* Ich muss dazu sagen, dass zu meiner Schulzeit öffentliche oder teilöffentliche Kommunikation noch nicht im heutigen Ausmaß vorhanden war. In die Chatprotokolle meiner Klassenkameraden und die geheimen Briefchen, die während der Schulstunde hin- und hergetauscht wurden, hatte ich aus naheliegenden Gründen keinen Einblick. Mir fehlt also die quantitative Evidenz, meine Beobachtung historiolinguistisch zu untermauern.


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